"Ein Kinderzimmer darf ruhig auch ein bisschen rumpelig aussehen"

Interview mit den Innenarchitekten von planen pro qm

Bild: planen pro qm /freepik.com
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Jens Meier-Ewert, Lena Pirnay und Claus Unger kennen alle fiesen Ecken: Die krummen, in denen das Bügelbrett rausragt, und die sich partout mit keinem Möbel vertragen. Sie kennen das Klopapier-Stauraumproblem und die Frage, "Wohin denn damit?".

Sie haben sich auf die Fahnen geschrieben, Abhilfe zu schaffen und Kinderzimmer in gute, flexible und kindgerechte Räume zu verwandeln, in denen es genug Platz für Kreativität und Fantasie gibt. In ihren Workshops geben sie Eltern Werkzeuge zur Planung und Umsetzung für ihre Kinderzimmergestaltung an die Hand: planen pro qm.


Jens, wie sah denn dein Kinderzimmer aus?

JME: Da stand ein alter Schrank von der Oma drin. Mein Vater und mein Opa waren leidenschaftliche Heimwerker, die haben mir ein großes Bett gebaut, das hatte einen Rand außen rum und war eingefasst mit Bast. Auf dem Rand saßen meine ganzen Teddies.  Ich habe am liebsten auf dem Boden gespielt, da hatte ich meine Legos und Playmobil und Fischer Technik. Damit habe ich auch Riesenanlagen gebaut und das ging am Boden am besten. 

Ich habe auch sehr viel draußen gespielt, weil wir in einer schönen Gegend gelebt haben, wo man das auch gut konnte.

 

Du planst heute Kinderzimmer. Nehmen wir an, ich ziehe in eine neue Wohnung, ein Kind ist unterwegs oder schon vorhanden - was ist der erste Schritt bei der Planung des Kinderzimmers?

JME: Welches Zimmer mache ich überhaupt zum Kinderzimmer? Das ist eine wichtige Frage, denn ein Kinderzimmer ist eine Welt für sich. Ein Kind hat Platzbedarf. Wenn man sich heute auf den Grundrissen die Kinderzimmer anschaut, dann sind die nicht selten verhältnismäßig klein. Das bestätigt auch unsere Erfahrung aus der Praxis.

 

CU: In der DDR gab es eine gesetzliche Pflicht für 8qm als Mindestgröße – das gibt es jetzt aber nicht mehr.

 

JME: Für mich spielt die Raumgröße in der Überlegung eine Rolle sowie die Blickachsen vom oder zum Kinderzimmer. Wenn ich also in der Küche bin oder Hausarbeiten mache: Kann ich gut ins Kinderzimmer kucken, so dass das Kind auch in seinem Raum spielen kann? Wenn nicht, entsteht irgendwann ein Kinderzimmer im Wohnzimmer. 

Man muss natürlich die gesamte Familie betrachten. Gibt es nicht nur ein Kind, wird es natürlich schwierig, wenn eines ein größeres Zimmer als das andere bekommt. Wir hatten auch schon den Fall, dass die Kinder ungefähr gleich alt waren und in ein großes Zimmer gekommen sind. Später, wenn die Kinder größer werden, sollen sie die beiden kleinen Zimmer bekommen, jeder eins. Dann ist der Platz nicht mehr so wichtig, sondern eher die Privatsphäre.

 Die Planung von Räumen darf man nicht starr und als in Stein gemeißelt betrachten. 


Bild: planen pro qm/freepik.com
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Gibt es Grundregeln bei der Gestaltung eines Kinderzimmers?

JME: Es gibt schon bestimmte Sachen, die man aus gestalterischer und aus planerischer Sicht machen oder nicht machen würde. Das beste Beispiel ist: Ich mache die Tür auf und es gibt irgendeinen Schrank, auf den ich draufkucke. Das ist unschön. Ich habe lieber offene Blicke und den Schrank an einer anderen Stelle. Ich möchte den Raum beim Reinkommen erstmal im Ganzen erfassen.

 

CU: Ansonsten ist ja jeder Raum individuell geschnitten, Fensteranordnung, Lichteinfall… -Deshalb ist es schwierig zu sagen: So, hier sind die drei Grundregeln und dann hat man ein schönes Kinderzimmer. Als Profis betrachten wir die Planung ganzheitlich und beziehen alle Aspekte mit ein – Gegebenheiten durch den Raum, Wünsche und Vorstellungen des Kunden und so weiter.

 

   Es gibt ja immer die Diskrepanz zwischen Magazin und Realität. In den Magazinen sehen die Kinderzimmer immer super aus, aber eigentlich weiß man, zwei Drittel des Gesamtkrams sind grade beiseite geräumt und türmen sich hinter der Fotografin. Was macht man denn, damit es nicht so rödelig aussieht?

JME: Man muss sich bewusst machen, dass das Kind ja in den ersten Jahren in einer Zone von maximal einem Meter Höhe lebt, in der es überhaupt agieren kann.  Spielsachen sind oft so ein Aufräum- und Stauraumthema. Das heißt, man muss sich überlegen, wie man den Raum überhaupt kindgerecht gestaltet, so dass das Kind selbständig aufräumen kann. Es bringt nichts, wenn man Spielzeug irgendwo nach oben verfrachtet, wo ein Kind gar nicht alleine drankommt. Ein Kind ist einfach ein viel kleinerer Mensch.  Der kann nicht eben mal ein Spielzeugauto nach oben stellen, weil er die Motorik noch nicht hat, er würde dabei nach hinten umfallen. Alles liegt also immer automatisch auf dem Boden rum, weil das Kind es überhaupt nicht selbstständig wegräumen kann. Dann sind immer die Eltern gefordert.  Also sollte genug Fläche unten angeboten werden. Wir sagen immer: Macht viele Regale unten oder ein Podest mit einer Ablage drüber, auf der das Kind auch noch spielen kann.

 

CU: Es hat zudem Vorteile, wenn man mit Farben arbeitet. Wenn die Schubläden oder Kisten verschiedene Farben haben, dann ist es für das Kind auch leichter. Man erarbeitet sich dann eine Ordnung: die Puppen kommen in die gelbe Kiste, die Bauklötze in die rote. Daran kann sich das Kind orientieren. Sagt man dem Kind: „So, wir räumen jetzt auf“, muss es ja auch erst mal ein mentales Bild davon bekommen, was der aufgeräumte Zustand ist. Das müssen die Eltern mit den Kindern zusammen machen.

 

JME: Bei einem Kinderzimmer sollte man möglichst funktional denken – beispielsweise an Spielsachen oder Möbel, die man mehrfach nutzen kann. Das geht jetzt in eine andere Richtung, aber ich glaube, je vorgegebener Spielsachen sind, desto weniger unterstützen sie die Kreativität eines Kindes. Je einfacher Sachen sind, desto multifunktionaler sind sie auch. Sie sind viel praktischer und man hat nicht Unmengen von verschiedenen Spielsachen herumstehen. Da kommt die Oma und bringt einen Kaufladen mit und die Tante bringt ein Puppenhaus mit - Alles ganz schön gedacht, aber im Grunde genommen unterstützt das das Kind nicht wirklich. Das ist schön, aber wir wissen ja selber, da spielt man mal drei Tage mit und schon muss wieder was Neues her.  Es geht ja vielmehr darum: Platzangebot, Stauraum, wie nutze ich bestimmte Dinge -  das muss man sich immer überlegen, so dass man dem Kind den Raum nicht zustellt und ihm gleichzeitig auch Kreativität bietet.

 

Ich hatte auch überlegt, dem Kind ein Stoffhaus zu schenken, aber dann dachte ich, wohin noch damit…?

CU: Wenn das Kind jetzt auf dem Prinzessinnen- oder Rittertrip ist, muss man nicht das ganze Zimmer umgestalten und rosa Möbel kaufen. Das Ganze kann dann nach drei Monaten vorbei sein und das Kind will was anderes. Wenn man sich grundmäßig einrichtet und eine freie Ecke hat, kann man solche Aktionsangebote möglich machen. Das kann zum Beispiel ein Spielhaus sein oder eine Tafel beziehungsweise eine Papierrolle im Wandhalter sein, an der gemalt werden kann, alles, wo Themen kreativ ausgelebt werden können. Wir nennen das Aktionsecken. Untern Strich ist das vom Aufwand her und von den Kosten wesentlich geringer, diese flexiblen Angebote umzugestalten. Ich bin auch ausgebildeter Erzieher, und als solcher füge ich hinzu, dass es das Kind ungemein in seiner Entwicklung fördert, wenn ich als Eltern individuell und flexibel auf die Themen meines Kindes eingehen kann, die es gerade bewegen.


Gibt es noch andere Dinge, auf die man Rücksicht nehmen sollte? Licht ist ja auch immer ein Thema. 

JME: Ein wichtiges Thema! Man muss sehen, dass verschiedene Beleuchtungsszenarien angeboten werden, die Raumbeleuchtung oder die Beleuchtung für den Arbeitsplatz oder für den Spielbereich. 

 

CU: Es gibt unterschiedliche Leuchtmittel: Glühbirne, Halogen, Leuchtstoffröhren – Energiesparlampen sind ja im Prinzip genau das gleiche, nur aufgewindet - und LED. Alle Leuchtmittel haben unterschiedliche Lichtqualitäten. 

   Leuchtstoffröhren und Energiesparlampen sind eigentlich überhaupt nicht geeignet unter vielerlei Gesichtspunkten. Unter anderem, weil sie ein sehr begrenztes Farbspektrum haben. Da gibt es Spitzen mit ein bisschen blau, ein bisschen grün, ein bisschen gelb. Daher wirken Farben unter diesem Licht extrem ungemütlich und verfälscht - eine schlechte Lichtqualität um es so zu sagen, weil die Farbwiedergabe nicht stimmt und die Farbtemperatur zu kalt ist. Außerdem haben die hohe Flimmerfrequenzen. In der Energiesparbirne  blitzt es abertausend male in der Sekunde. Dieses Flackern nimmt man nicht bewusst wahr, weil die Iris im Auge nicht so schnell auf und zu geht, aber diese Impulse kommen über den Sehnerv irgendwo im Gehirn an und die stressen. Deswegen ist dieses Licht unter physiologischen Gesichtspunkten sehr, sehr ungünstig. Die Gefahr durch das enthaltene Quecksilber ist vielen schon bekannt.

Glühlampen hingegen enthalten das gesamte Farbspektrum – kein Leuchtmittel kommt dem Sonnenlicht näher als die klassische Glühbirne. Allerdings mit Betonung auf rot, deshalb wirkt das Licht sehr warm. Sie verbrauchen zwar mehr Strom, aber unter gesundheitlichen und Wohlfühlaspekten erzeugen sie das beste Licht. Die LED holt in den letzten Jahren stark auf, steht aber immer noch „nur“ auf Platz 2, was die Lichtqualität angeht. 


Was ist eure Maxime in Bezug auf Möbel, Farben, Stoffe oder Böden?

JME: Wir haben hier oft das Thema, dass Leute, die ein Kinderzimmer planen, „stylish“ denken. Ein Kind hat eine ganz andere Geschmackswahrnehmung und kann mit so einem supergestylten Zimmer aus dem Stilwerk gar nichts anfangen. Man kann es ja schön gestalten, aber nicht zu stylish in unserem Verständnis. Man sollte es mit mehr Brüchen versehen, auch mehr mit Farben arbeiten, weil das Kind darüber auch Farben lernen kann. Kinder verstehen Farben anders als Erwachsene, sie haben eine andere Wahrnehmung. Ein Kinderzimmer darf ruhig auch ein bisschen rumpelig aussehen, damit das Kind sich wohlfühlen kann.


CU: Eine ruhige Farbzusammenstellung ist viel sinnvoller, als wenn sich Farben gegenseitig totschlagen. Farbig sind ja schon die Spielsachen. Wenn jetzt das ganze Zimmer pink ist, ist man ja so geflasht, dass man sich gar nicht mehr auf Details konzentrieren kann. Gängig ist, die Farbzusammenstellung eher ruhiger von der Grundstimmung her zu machen, aber natürlich kann man Akzente setzen. Oft wird ja vergessen, dass Stoffe wie Gardinen, Bettwäsche, Bettlaken oder ein Vorleger auch einen starken Einfluss auf die Farbumgebung haben, die man leicht ohne großen Aufwand austauschen kann. Das berührt auch die Frage eines ganzen Themenzimmers.

Es reicht ja auch schon, nur eine Wand zu streichen, die auch vielleicht nur zu zwei Dritteln farbig ist. Das wirkt dann auch nicht so erdrückend.

 

Bild: planen pro qm / freepik.com
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JME: Außerdem sollte man nicht am Boden sparen. Entgegen der vorherrschenden Meinung, dass ein glatter Boden aus gesundheitlichen oder Schmutzgründen besser wäre ist falsch, es gibt Studien, die nachweisen, dass so ein Teppich aus verschiedensten Gründen besser ist als ein glatter Boden. Deshalb empfehlen wir auch, Teppichboden einzusetzen. 

 

Wenn ich jetzt alleine einen Raum plane, dann nehme ich mir Millimeterpapier, zeichne den Grundriss, schneide die Möbel aus und schiebe… Was macht ihr anders? Was gebt ihr den Leuten in euren Workshops an die Hand?

JME: Es gibt ja im Internet verschiedene 3D-Einrichtungsprogramme, mit denen man sich beschäftigen kann. Aber das Problem ist ja nach wie vor, dass vielen Leute ja die Idee und das Wissen fehlen. Wir haben planen pro qm unter anderem deshalb ins Leben gerufen, weil wir eben gemerkt haben, dass  - obwohl der Markt voll ist mit Wohnmagazinen, Wohnbüchern, Einrichtungssendungen und so weiter - ganz viele Leute vor dem Wust an Ideen und Möglichkeiten kapitulieren. Sie schaffen es nicht, diese Ideen auf ihren eigenen Raum zu übersetzen, weil dann doch wieder die Parameter anders sind und man merkt, es könnte doch besser gehen und kann es aber nicht beschreiben. Wir haben viele Leute, die zu uns kommen und sagen: "Ach, wir haben schon alles ausprobiert, ich glaube nicht, dass ihr noch eine neue Idee findet…“ und dann finden wir doch noch eine neue! Wir machen das tagtäglich und beschäftigen uns intensiv damit. Das ist dem Beruf geschuldet, dass es doch immer noch eine andere Möglichkeit gibt.

   Wenn man selber den Grundriss plant, macht man das im Maßstab 1:50 und schneidet sich die Sachen maßstabsgerecht aus. Man sollte dabei immer dran denken, dass es ja auch eine Wand gibt. Der Raum wird ja nicht nur über den Grundriss gestaltet, sondern auch über die Wände und das Raumvolumen.

 

CU: Vor dem Workshop skizzieren die Teilnehmer den Grundriss und wir setzen diese Zeichnung dann professionell um. Im Laufe des Kurses arbeiten die Teilnehmer die meiste Zeit an ihren eigenen Grundrissen. Die Möbel werden maßstabsgerecht ausgeschnitten und man kann anfangen rumzuschieben, zu drehen...

Grundriss zeichnen
Bild: planen pro qm / freepik.com

JME:  Wenn das gemacht ist, kommen Farben und Materialien ins Spiel. In jeder Phase sind wir dabei und geben Tipps, führen Zweiergespräche und bieten Hilfestellung an.

Wir haben  Produktproben von vielen Herstellern, so dass man ein Originalmuster vor sich hat und kucken kann, wie schimmert es im Licht, wie kann ich diese kombinieren... Teppich, Tapeten, Holz etc. So sieht man die Kompositionen und bekommt eine ganz andere Vorstellung, als wenn man eine Animation im Internet sieht oder ein Prospekt im Baumarkt.

 

CU: Wir wollen nicht, dass die Leute vorher 10 Ideen hatten und dann mit 100 Ideen nach Hause gehen und überhaupt nicht wissen, was sie zuhause umsetzen sollen. Deswegen dauert der Workshop 6 Stunden, so dass man Zeit hat, sich Gedanken zu machen und mit einem wirklich fertigen Entwurf nach Hause geht. 


Moodboard
Bild: planen pro qm / freepik.com

JME: Die Teilnehmer nehmen eine Collage mit, ein Moodboard mit Stoffproben, Tapeten- oder Teppichabschnitten oder genauen Farbnummern. Eine Sache, die wir über die Jahre gelernt haben bei planen pro qm, ist, dass wirklich erst dann jemand von so einer Planung profitiert, wenn auch alle genauen Angaben vorhanden sind. Dass man eben nicht sagt, du könntest jetzt da ein beiges Sofa hinstellen, sondern eine ganz konkrete Produktempfehlung gibt. 

   Das ist auch mit ein Grund, warum Leute zu uns kommen: Das Mehr und Meer an Möglichkeiten ist riesig. Man kapituliert nicht nur vor den vielen Möglichkeiten der grundsätzlichen Gestaltung, sondern auch vor den Produkten. Vor diesem Hin und Her, vor Fehlkäufen haben Leute Angst. Wir haben Kunden, die  bei Ikea stehen und uns anrufen: „Die Front, die Sie uns empfohlen haben ist nicht da, kann ich auch die gelbe nehmen?“ Daran merkt man, dass diese Informationen gerne angenommen werden. Und so ist der Workshop angelegt, alle Materialien sind ausgezeichnet im Sinne von „wo kann ich das kaufen?“, es gibt darüber hinaus ein Herstellerverzeichnis und auch konkrete Empfehlungen. 

Wir achten auf Umweltverträglichkeit und haben umfangreich recherchiert. Vieles kommt von kleinen Herstellern, die mithilfe ökologischer und gesundheitsbewusster Verfahren die Stoffe und Tapeten herstellen. Da achten wir drauf, dass wir das mit gutem Gewissen empfehlen können. Auch bei Möbeln versuchen wir unseren  Kunden aus Erfahrung eine gute Hilfestellung zu geben, einfach auch, um die Auswahl zu reduzieren und das Ganze einfacher zu machen.

Bild: planen pro qm / freepik.com
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Hier gibt es Informationen zu den Workshops: 


www.planen-pro-qm.de/workshop-kinderzimmer/