Der Countdown läuft...wann ist ein Kind schulfähig?

sör alex/photocase.de
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Karolin Ziegler ist dreifache Mama, Grundschullehrerin, Schulleiterin, Autorin und Bloggerin der Dachbuben. Ich habe sie gefragt, woran man merkt, dass ein Kind wirklich reif für die Schule ist - was gerade vor dem Hintergrund der Berliner Eigenart, auch Kinder schon mit 5 einzuschulen, für Eltern hohe Relevanz hat.


In meiner Funktion als Schulleiterin einer Grundschule werde ich oft gefragt: "Muss mein Kind bei der Einschulung wirklich schon lesen und schreiben können?" 


Ganz eindeutig: Nein!

Doch was wird denn von der Schule erwartet? Was genau bedeutet Schulfähigkeit? Und wer hilft, zu erkennen, wo das Kind gerade steht und was man eventuell im letzten Jahr vor der Einschulung für das Kind tun kann?

Genau darüber möchte ich hier schreiben.


Um die Schulfähigkeit eines Kindes feststellen zu können, bedarf es größtmöglicher Sorgfalt. Die Erzieherinnen kennen das Kind in der Regel schon über mehrere Jahre und können diesbezüglich eine wirklich gute und fundierte Auskunft geben. Im letzten Kindergartenjahr findet eine sehr enge Kooperation zwischen der KiTa und der zuständigen Grundschule statt. An meiner Schule ist es z.B. so, dass die Vorschulkinder regelmäßig vormittags bei uns an der Schule sind und in einem Klassenzimmer mit der Kooperationslehrerin arbeiten, spielen, basteln oder Übungen machen. In dieser Kooperationszeit achtet die Kooperationslehrerin sehr genau darauf, was die einzelnen Kinder an Fähigkeiten schon mitbringen oder aber auch auf Bereiche, in welchen noch Unterstützung von Nöten ist. Gemeinsam mit den Erzieherinnen, der Kooperationslehrerin, der Schulleitung und den Eltern wird unter Einbeziehung der Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung über die Schulfähigkeit beraten und entschieden. Hierfür ist oft eine Vielzahl von Gesprächen erforderlich. 


Doch was bedeutet eigentlich Schulfähigkeit ganz konkret?


Für die Schulfähigkeit spielt das Geburtsdatum eine eher untergeordnete Rolle. Die Stichtage für die Einschulung sind in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich festgelegt und umfassen einen großen Zeitraum.

Vielmehr werden verschiedene Bereiche dezidiert betrachtet. Wichtig ist hierbei: Ein Kind muss nicht alle Unterpunkte beherrschen sondern entscheidend ist das Gesamtbild. Der Blick auf alle Facetten ist unerlässlich.


1. Motorik

- Das Kind kann sich alleine an- und ausziehen.

- Es kann rückwärts gehen, ohne sich ständig umzusehen.

- Die Schuhe können eigenständig gebunden werden.

- Es gelingt dem Kind, 10x auf einem Bein vorwärts zu hüpfen.

- Das Kind kann einen Ball werfen und fangen.


2. Feinmotorik

- Die richtige Stifthaltung funktioniert schon im Kindergarten.

- Eine vorgezeichnete Linie kann mit einem Stift nachgefahren werden.

- Das Kind kann selbstständig die Grundformen Kreis, Dreieck und Viereck zeichnen.

- Vorgegebene Muster können fortgeführt werden.

- Das Ausmalen von Bildern gelingt sauber.

- Einfache Formen können ausgeschnitten werden.

- Der eigene Vorname kann in großen Druckbuchstaben geschrieben werden.


3. Kognitiver Bereich (Sprache, Mathematik)

- Würfelbilder müssen nicht nachgezählt werden, sondern werden sofort erkannt.

- Das Zählen bis mind. 20 funktioniert ohne größere Unterbrechung.

- Ein Kind kann sich 3 Arbeitsanweisungen merken ("Geh mal in den Keller und mache das und das und das.").

- Das Kind spricht in ganzen Sätzen.

- Kinder müssen bei Schuleintritt weder rechnen, lesen noch schreiben können.

- Reime und Lieder können wiedergegeben werden.

- Kurze Geschichten werden in eigenen Worten nacherzählt.

- Das Kind kann 15 Minuten konzentriert an einer Aufgabe bleiben.

- Es kann sich Dinge vorstellen und diese Dinge auch beschreiben, ohne sie konkret zu sehen.

- Das Kind zeigt Interesse an den verschiedensten Dinge und stellt Fragen.


4. Soziale/emotionale Entwicklung

- Das Kind entwickelt die Fähigkeit, zu nehmen und auch zu geben und zu teilen.

- Empathiefähigkeit ist vorhanden.

- Das Kind stellt Fragen nach Leben und Tod und auch nach Familienbeziehungen.

- Aus angebotenen Aktivitäten kann das Kind zielgerichtet auswählen.

- Das Warten, bis es an der Reihe ist, fällt dem Kind nicht schwer.

- Beim Spielen kann das Kind auch verlieren. Es spielt zielgerichtet.

- Meinungen und Wünsche kann das Kind in Worte fassen und zum Ausdruck bringen.

- Das Kind übernimmt gerne kleinere Besorgungen.

- Das Kind ist bestrebt, von Vorbildern zu lernen.


Das letzte Kindergartenjahr soll keinesfalls dafür benutzt werden, ganz explizit und intensiv für die Schule zu trainieren. Folgende wichtige, nützliche und einfache Tipps, die absolut einfach in den Alltag zu integrieren sind, gebe ich als Schulleiterin an die Eltern weiter:


Sprache:

- Sprache ist ein zentraler und äußerst bedeutsamer Punkt, in einer Zeit, in welcher Bücher nicht mehr selbstverständlich sind. Viele Medien drängen Bücher in den Hintergrund, dabei sind Bücher unerlässlich. Seien Sie als Eltern deswegen Vorbild und lesen Sie. Erleben die Kinder, dass Erwachsene in ihrem Umfeld viel lesen, werden die Kinder selbst viel stärker Interesse an Büchern zeigen und nach Büchern fragen.

- Regelmäßiges Vorlesen steigert nachgewiesenermaßen die Noten in den Fächern Deutsch und Mathe um bis zu eine halbe Note (Studie von Prof. Dr. Belgrad, meine Schule nahm daran wissenschaftlich begleitet teil). Durch Vorlesen bildet das Gehirn durch das Hören Sprechmuster, auf die es zurückgreifen kann. Durch das Vorlesen wird die Hörwahrnehmung gesteigert.


Lesen:

- Wie oben schon erwähnt, müssen Kinder auf keinen Fall lesen können, wenn sie in die Schule kommen. Das Lesen wird von Grund auf an der Schule gelernt. Fragt ein Kind aber von sich aus nach Buchstaben, verwehren Sie ihm keine Informationen. Versuchen Sie bitte nicht, dem Kind Lesen beizubringen, wenn es dies nicht ganz alleine von sich aus signalisiert.

Sollte ihr Kind nach Buchstaben fragen, lautieren Sie diese. Sprechen Sie "K" nicht "Ka".


Umgang mit Medien wie TV, Tablets und PC:

- Ein gesundes Maß im Umgang mit den neuen Medien ist wichtig. Kinder sollten nie ohne Aufsicht vor dem Fernseher sitzen. Bleiben Sie dabei, setzen Sie sich dazu und bleiben Sie Ansprechpartner bei spontan auftauchenden Fragen. Sprechen Sie im Anschluss mit ihrem Kind über die Sendung.

- Es gibt Apps und Computerspiele, die wirklich gut durchdacht sind. Diese aus der Vielzahl an sinnlosen Angeboten auszuwählen ist ein erster Schritt zu verantwortungsvollem Umgang mit diesen Dingen. Auch hier ist es wichtig, dass Sie dabei sind und auch mitspielen. So haben Sie einen guten Einblick in das, was die Kinder machen.


Selbstständigkeit:

- Viele Dinge des Alltags wären viel schneller erledigt, machten wir als Erwachsene diese selber. Geben Sie Arbeiten des Alltags, wie Tisch decken, abwaschen usw. an die Kinder weiter. Diese Erfolgserlebnisse stärken Ihr Kind.

- Bieten Sie Ihrem Kind die Möglichkeit, innerhalb von mehreren Möglichkeiten/Freiräumen, selber entscheiden zu können. Lassen Sie z.B. aus einer Auswahl an Kleidungsstücken selber aussuchen, was das Kind gerne tragen möchte.


Strukturen:

- Konsequentes Handeln in gleichen Situationen ist absolut wichtig. Hierin liegt Sicherheit für die Kinder. Im Gehirn bilden sich Erfahrungsstrukturen. Diese sind nötig, um Zuneigung aufbauen zu können und Enttäuschungen zu vermeiden.

- Regeln und Rituale sind im Alltag unabdingbar.

- Beachten Sie, dass Sie Vorbild für Ihr Kind sind. Achten Sie selbst z.B. darauf, wie Sie Konflikte lösen. Ihr Kind wird diese Strategien in der Regel übernehmen.


Teilhaben am Alltag:

- Lassen Sie Ihr Kind am Alltag teilnehmen, gehen Sie gemeinsam einkaufen und spazieren, lassen Sie Ihr Kind bei der Gartenarbeit helfen oder auch beim Reparieren des Fahrrads. Besuchen Sie ab und an gemeinsam ein Konzert oder eine Ausstellung.

Die Fragen des Kindes kommen dann ganz von alleine.


Verbringen Sie aktive und wertvolle Zeit miteinander. Genau diese Auseinandersetzung mit dem Leben hilft Ihrem Kind, bereit zu sein für die Schule, so dass Ihr Kind Freude hat an der Schule und einmal sagen kann: Das war eine gute Zeit!


Foto: Karolin Ziegler
Foto: Karolin Ziegler

Eine gute Schulzeit voller Freude wünscht

Karolin


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Grundschullehrerin Katrin Häusler

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