Retro-Ich

Das ist ein Beitragstext für die Blogparade #familienbilder von Frau Mutter, die dazu aufgerufen hat, Erinnerungsstücke aus der eigenen Kindheit zu teilen. Eine wunderbare Idee!  


 

Das Kleidchen ist nicht von Dawanda, sondern höchstwahrscheinlich von Karstadt oder C&A...

 

Für mich haben Kindheitserinnerungen immer was mit haptischen Dingen zu tun, ich erinnere mich ziemlich genau an Gerüche und wie sich Dinge angefühlt haben.

Das obige Sofa stand bei meiner Oma im Wohnzimmer, es war ein bisschen rau und man konnte prima Fäden ziehen (was immer Ärger gab). Ich liebte Nickipullover (wo sind die eigentlich hin?). Ich hasste diese gelbe Latzhose und habe mich für obiges Foto ordentlich bestechen lassen. Ich mochte Nudeln mit Tomatensoße aus dieser kleinen quaderförmigen Pulverpackung und habe mit vier Jahren noch gern abends eine Flasche Hafermilch getrunken. Gestillt wurde ich nicht, das war damals nicht angesehen. Morgens gab es zu Schulzeiten abwechselnd Smacks oder Frosties. Der Schulranzen, ein roter Amigo roch nach einer Mischung aus frisch angespitzten Bunststiften, Büchermuff und Salamibrot, welches ohne Gedanken an eine Bentobox in ein sukzessiv schmieriger werdendes Butterbrotpapier eingewickelt war. Der Apfel und die Capri Sonne flogen lose herum (der Apfel auch gern wochenlang).

 

Ich war bollestolz, als ich mit meinem Onkel, der nur 13 Jahre älter war als ich, hinten im Käfer mitfahren durfte, die Handgelenke um diese Schlaufen oben über dem Fenster gewickelt. Wir fuhren seine Freunde treffen in der Stadt und er kaufte mir eine heimliche Cola. Fast wie ein erstes Date!

 

Den Kindergarten von 9 bis 13 Uhr fand ich meistens doof - zumindest im ersten Jahr. Ich heulte was das Zeug hielt, und wollte bloß wieder nach Hause. Die Erzieherin nahm mein Geheule mit dem Kassettenrekorder auf, spielte es mir vor und fragte, ob ich das schön fände und dass das die anderen Kinder nicht mehr hören wollen. Danke, sage ich heute, sehr hilfreich für ein schüchternes Kind.

 

Der Geruch von frisch angezündeter Zigarette und der von gerade geöffneten Fantabüchsen versetzt mich unweigerlich ins Auto (ein feuerroter Opel Ascona), mit dem wir gerade auf dem Weg in den Urlaub nach Italien oder an die Ostsee waren. Natürlich war ich nicht angeschnallt. Eher eingepfercht zwischen Gepäck, da hätte ich auch nirgendwo hinfliegen können :-)

 

Nach der Schule/Kindergarten war zuhause mein Mittelpunkt, ich hab keine Kurse besucht, sondern gemalt oder nicht von Erwachsenen organisiert mit anderen Kindern gespielt.

 

Klamotten waren, glaub ich, auch viel weniger ein Thema und wenn ich heute Bilder betrachte, war der Unterschied zwischen Jungen- und Mädchenklamotten auch nicht wirklich groß. Alles war bunt, nicht nur camouflagegrün und pink. Ich trug karierte Hemden und irgendeine Hose, oft auch geerbt von meinen Cousins. Ich hatte Matchboxautos und Barbies. Am liebsten spielte ich Tierarzt mit einem Plastikarztkoffer und allen Kuscheltieren oder hörte Benjamin Blümchen bis es zu den Ohren rausnudelte (bei meiner Mutter eher als bei mir).

 

                                                                      ...............

 

Klar kommt bei den Gedanken Wehmut nach früher auf, weil "da war ja alles besser und sorgloser". Keiner machte ein, wie meine Mutter es vornehm ausdrückt, "Geschiss". Sie sagt auch, man hätte viel mehr aus dem Bauch heraus gehandelt und sich viel weniger Gedanken gemacht. Kinderhaben war vielleicht in den 70er und 80er Jahren viel normaler als heute. Trotzdem will ich nicht behaupten, das alles besser war und finde es nervig, dass Eltern heute als hysterische Helikopter dargestellt werden.

 

Viel hat sich geändert. Die individuelle Freiheit, über das eigene Leben zu bestimmen, hat zugenommen und ist viel selbstverständlicher geworden. Kein Mädchen lässt sich von vornherein auf eine Zukunft als "nur" Hausfrau und Mutter ein. Theoretisch haben Mädchen heute alle Möglichkeiten, so dass Elternsein eine Option und keine normale Zwangsläufigkeit mehr ist. Grade in den Großstädten wie Berlin existieren auch eher Kleinfamilien (ein oder zwei Elternteile mit eins, zwei oder drei Kindern), ohne Großeltern, Tanten, Onkel, Cousinen etc. in der Nähe. Da, wo der Familienverband fehlt, wird Kinderhaben natürlich zu einem weitaus organisationslastigeren und projektartigerem Vorhaben. Statt die erfahrenen Mütter der eigenen Familie fragen zu können, wie das ist mit Brei und wundem Popo und trotzigem Kleinkind, konsultieren wir Blogs und Kursleiter und Stiftung Warentest. Uns fehlt die Erfahrung, die eigene und die der "Alten" (liebevoll gemeint), und oft somit ein gesundes Selbstvertrauen, dem eigenen Urteil zu folgen.

 

Dennoch haben wir alle was gemeinsam, wir Eltern aller Jahrzehnte. Wir alle haben unsere Kinder lieb und sorgen uns bis zur Selbstverleugnung. Wir geben uns Mühe, unabhängig vom Zeitgeist (Stillen! Süßigkeiten!) nach bestem Wissen und Gewissen das allerbeste für unsere Kinder zu geben und sie so geliebt ins Leben zu schicken. Deshalb ist uns so wohlig beim Fotoankucken, das wird unseren Kindern hoffentlich auch mal so gehen.

 

Kommentare: 3
  • #3

    NadineM (Sonntag, 27 März 2016 13:05)

    Danke Bernd!

  • #2

    Frank (Sonntag, 27 März 2016 07:08)

    Liebe Nadine, ich habe gerade Tränen in den Augen, bin sehr gerührt von dem, was du schreibst. Wir sehen das bei unseren Kindern und im Freundeskreis auch, jeder macht um sein Kind ein Event, und trotzdem sind sie das größte und beste, was wir jemals in diesem Leben zustande bringen. Das können wir mit Aktienkursen und Immobilienbeteiligungen niemals erreichen. Herzliche Grüße aus Bielefeld, Frank

  • #1

    bella (Dienstag, 27 Januar 2015 14:01)

    Toll geschrieben und du hast ja so Recht. Viele verurteilen die "Methoden" von damals und andere die von heute. Dabei wollten doch alle dasselbe. Na ok, außer die Sache mit dem Rekorder, die war und bleibt übel. LG Bella