Auf Kurs.

  Das Rübchen war zwei und ich hatte immer im Ohr, dass Kinderturnen gut sein soll. Wohlgemerkt hat sie sich erst mit eindreiviertel Jahren entschieden, zu laufen - alles, was irgendwie mit Bewegung zu tun hat, stand nicht auf ihrer Prio-Liste. Jetzt dackelte sie durch die Welt, bekuckte sich eingehend die Geräte auf dem Spielplatz, rutschte nur mit mir, kletterte gemächlich ein bisschen, während ich wechselweise den Poppes festhielt oder Mut zusprach. Kinderturnen ist da ja vielleicht ganz hilfreich wegen Übung und Körpergedöns, ne?

 

Also, über Warteliste (blöde Großstadt) landen wir in einem Kinderturnkurs für 2 bis 3Jährige, in einer miefigen städtischen Turnhalle. Das Kind freut sich ob des Parcours. Besonders die fette Matte findet sie super, kann man ja einfach mal umfallen, was sie dann auch ausdauernd tut. Wir starten mit im Kreis rennen - und wer diesen Rübchenblog kennt, weiss, dass ich automatisch mitrennen muss. Das Kind macht viel, das meiste allerdings nur mit mir an der Hand. Seufz. Ich renne und schwitze in meinem sportuntauglichen Mutti-Jeans-Outfit, die Buchse kneift, es feuchtet unterm Arm. Ich hatte mich mehr auf Banksitzen eingestellt, mit aufmunterndem Zunicken und Winken.

Die Kursleiterin, eine dralle Anfangzwanzigerin, pfeift zum Klettergebilde, das irgendwie kompliziert aussieht. Steil rauf, über eine Bank balancieren irgendwie rutschend wieder runter. Das Rübchen stellt sich mit mir in die Schlange und besieht sich die Lage erstmal. Nimmt konzentriert ein Beinchen hoch zum ersten Schritt und wird von einem feisten Dreijährigen mit Cars-T-Shirt, dessen Mutter sich ausführlich mit Gottweißwem in der Mattengarage unterhält, abgedrängt. Neuer Anlauf. Ihre kleine Stirn sieht sehr ernst gefaltet aus. Und wie immer: ein Schritt nach dem anderen und zwischendurch überlegen. Und kurz meine Rückmeldung abholen. Ja, alles gut, suuuper. Von hinten drängt und schiebt sich die Kindermenge nach. Stau. Unmut.

Die Dralle weist meins an, Püppi träum nicht! Ich so: Ey, Du Schnalle, pass ma auf.

Also, hab ich aber nur gedacht. Man will sich ja  nicht gleich bei der Probestunde rausschießen. Oder rumhelikoptern. Zur zweiten Runde kommen wir fast nicht, weil die Rüpel sich qua Bodycheck vor uns drängen. Mein inneres Auge gaukelt mir kurz ein GIF vor, in dem ich den kleinen blonden blauäugigen Blödi so ganz tomundjerrymäßig am Kragen festhalte und er in der Luft weiterläuft. Sehrsehr dämlich. 

Im weiteren Verlauf der Stunde schubst die Kurspfeife mein Erstgeborenes noch von der Bank, halb versehentlich. Das Rübchen fällt ja wie eine deutsche Eiche. Heul. GIFs anderer Güte, FSK 18, drängen sich mir auf.

Darwinismus findet auch in der Kinderturnstunde statt. 

 

Das Rübchen ist drei und will tanzen. Ich als Mädchenmutter bin innerlich darauf vorbereitet. H&M-Tütü, ihr wisst schon. In der Nähe ist was frei. Ein Kurs mit Mamas. Ich ziehe mich leger an. Eine ältere Tanzschranze lässt uns wieder im Kreis rennen, wir sollen Tiere nachmachen zu Beginn. Ich schleiche, ducke, hüpfe. Renne rückwärts und seitlich. Die Wade brennt. Das Rübchen geht gemessenen Schrittes neben mir her und besieht sich mein Bemühen um Facon. Mama, was massstu daa? Wir sitzen im Kreis, die Kinder werden einzeln in die Mitte zum Vortanzen gerufen. Vierzehn Augenpaare. WTF?! Rübchen mag nicht, nur mit mir. Ich lächele entschuldigend, animiere zum, ääh, grazilen Hüpfen. Die Schranze ermahnt mich, Hüpfen hätte wir schon, wir sollen uns was anderes einfallen lassen. Ich mache drei hektische Schmetterlingsverrenkungen und wir setzen uns wieder hin. Auf dem Heimweg wird mir von hinten aus dem Kindersitz beschieden, Mama, da geen wia niss mehr hin.

 

Dann jetzt doch in den Ballettkurs. Ja, ohne Mamas Hand. Rübchen, ich bleib am Rand sitzen und schau dir zu. Ne? Okay.

Wir gehen nach zwanzig Minuten, da das Kind an mir klebt wie gelutschter Lolli in Handtasche. Will doch nicht.

 

Sie ist vier. Ich dränge sie sanft in den Schwimmkurs. Schwimmen ist essentiell, das muss sein. Wir haben Verstärkung, die Rübchenfreundin aus der Kita ist dabei. Das Kind paddelt glücklich in einem pipiwarmen Krankenhausbecken mit einer lila Schwimmnudel. Fahre für eine halbe Stunde Schwimmen 40 Minuten durch die Stadt, freitags nachmittags, also 40 Minuten einfacher Weg. Also 80 für 30. Seufz. Wir haben allerdings leichte Differenzen, das Kind und ich, was die Zielführung angeht. Meine Vorstellung war, Kursstunden, Kind schwimmt. Kind schwimmt nach sieben Monaten gut. Also mit Nudel. Ohne gar nicht. Also, auch nicht viel anders als vorher. Dafür darf ich sitzen, zunicken und winken.  Die Leiterin und das Kind sind so: *Zeigefingerverschränk. Geht doch. 

 

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DreißigVierzigSechzig.

Ich bügele. Vierfach.
Das Rübchen hat hier das Urheberrecht am Bild.

Neulich im großen Kaufhaus meines Vertrauens schleiche ich im fünften Stock rum. Haushaltswaren. Da gibts Kissenbezüge, Vasen, Geschirr und Kaffeekapseln, die die Welt nicht braucht. Was ich gekauft habe, lag auf der anderen Seite der Abteilung. Eine kleine, abgeschiedene, stiefmütterlich betrachtete Ecke. Schlecht beleuchtet, nicht so, wie die ichnehmeinenkleinkreditauf - Le Creuset Töpfe in diesem orange, das wirklich nur in französischen Landhausküchen mit Zugang zur Terrasse und Sprossenfenstern im Gegenlicht gut aussehen. Mein Interesse galt einem völlig banalen Gegenstand, den offensichtlich außer mir keiner braucht und schätzt. Ein Gegenstand, mit dem Blicke zwischen Mitleid, Erstaunen und leichter, schlecht verborgener persönlicher Distanzierung geerntet werden. Mit dem meine Ausbildung, Integrität und mein mentaler Status in einem Handstreich in Frage gestellt werden.

 

Ich besitze ein Ärmelbügelbrett. 

Und kann damit umgehen.

 

Jawohl. Ich stehe dazu. Ich bügele. Selber. 12 bis 14 Hemden in der Woche. 7 Mädchenoberteile. Und Kopfkissenbezüge. Und wenn ich Gelüste habe, auch meinen Schlafi. Nix ist schöner als ein krisp gebügeltes Shirt. Oder frische, glatte Bettwäsche beim ersten Mal drunterschlüpfen. 

 

Das Eisen dampft und röchelt. Es ist warm, riecht gut. Frisch gebügelte, noch warme Wäsche, ordentlich gefaltet ergibt den Anschein einer ordentlichen Welt; alles was schief war, krumpelig, fleckig kommt in die Wäschekatharsis und kann dann ganz gut so tun wie neu. Ein Menschheitstraum!

 

Ich kaufe regelmäßig drei unterschiedliche Waschmittel und zwei Weichspüler. Ich habe ein Hemdenprogramm in der Waschmaschine und einen Fusselrasierer. Ich hänge auf. Rechts die Kindersachen, links sechzig Grad. Hemden auf die Bügel. Alle Sachen einmal zackig ausschleudern.

 

Ich bin ein antifeministisches Faktotum mit Bügelphilie.

 

 

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Fünf!!

Dieses Jahr liegen die Wochentage so, wie sie vor fünf Jahren lagen - was die Erinnerung irgendwie noch ein bisschen näher gebracht hat. Wie ich an diesem Samstag früh dachte, hm, irgendwie tropfts hier. Wie Dein Papa und ich den ganzen Tag in einem Vorwehenzimmer (was für ein schräges Wort) abhingen, Sudokus gelöst, Snickers gegessen und ferngesehen haben. Du warst ausgerechnet für den zweiten oder dritten April, und weil du wohl preußisch veranlagt bist, hast du dich entschieden, dann eben in der Nacht dazwischen anzukommen.  

Jetzt bist du fünf und mir ist auch ein bisschen weh ums Herz. Anfangs wäre dir am liebsten gewesen, auf oder an mir dran zu wohnen. Ein richtiges Mamababy. Beim Pekip immer nah an mir - und wehe, ich hab mich zwei Meter wegbewegt. Beim Musikgarten immer auf meinem Schoß. Du hast dir lieber die Dinge aus sicherer Entfernung angeschaut und ich war dein Anker. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass das völlig unanstrengend war. Aber andererseits war ich als Kind wohl genauso. Ich habe mir vorgenommen, dich nicht mit den anderen Kindern zu vergleichen. die neugierig durch die Gegend robbten. Was auch nicht immer einfach war. Du warst nicht aus der Reserve zu locken, was mich andererseits auch beeindruckt hat, ganz buddhaesk :-) Ich hab immer gesagt, dass du nicht der Actionheld, sondern der Dokumentarfilmer unter den Rübchen bist. 

Heute bist du ein ziemlich selbständiges und verständiges kleines Mädchen, dass durchaus seinen eigenen Kopf hat. Ich fand es toll zu sehen, wie im Laufe des letzten Jahres selber den Schritt weg von mir gemacht hast. Auf einmal bist du mit deinen Freundinnen nach Hause gegangen und hast nicht mal mehr nach mir gefragt. Du bist nachmittags lieber mit deiner Kichererbsengang unterwegs als mit mir was zu machen. Sagst offen, dass du mich langweilig findest und schimpfst, wenn ich dich früher aus der Kita abhole. Hast deinen eigenen (ääh, eigenwilligen) Klamottengeschmack. Ich muss mich selber dran erinnern, dass du ein eigenständiger Mensch bist, der Dinge anders sieht, die Welt anders empfindet als ich. Dass ich mit der Mädchenmuttervorstellung von Ponyreitengehen und Ballettkurs bei dir gar nicht punkten kann. Ich muss mich mit dir genauso wie mit allen anderen Menschen auseinandersetzen, weil ich nicht mehr komplett über dich entscheiden kann - und will. Mir ist ja auch wichtig, dass du eigene Entscheidungen triffst, lernst Verantwortung zu tragen und auch mit Konsequenzen eigener Entscheidungen umzugehen. Da bin ich auch ziemlich streng, zugegebenermaßen. Aber das scheint dich stark zu machen, wie ich festgestellt habe - auch wenn du erst fünf bist.

Mir fehlt manchmal mein kleines Baby. Dieses kleine kuschelige Dings. Obwohl - das kuschelige Dings kommt ja auch manchmal wieder zum Vorschein, morgens im Bett oder abends mit Buch auf dem Sofa. Dann rieche ich an deinem Nacken und eine Prise Mutterglück macht sich breit in mir. Ich werde mal Pippi Langstrumpf nach den Nie-erwachsen-werden-Pillen fragen und sie dir einfach heimlich in den Kakao rühren.

 

Deine Mama.

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Mutti viernull

Ich bin wieder da und will erstmal ein großes Dankesehr in die Leserschaft tröten, dafür dass immer wieder angeklopft wurde an die Berliner Kinderzimmertür und auch Nachfragen kamen, wann ich denn mal wieder was schröbe. 

 

Dieses Jahr hat es irgendwie in sich. Zeit für mich allein, mal drei oder besser vier Stunden am Stück, und das an mehreren Tagen in der Woche? Hat nicht geklappt. Gar nicht. Hab ich mir dann mal ein Stündchen abzwacken können, hatte ich akuten Kreativitätsblock. Zum Mäusemelken. Das Kind war ab und an eine Woche zuhause mit irgendwelchem Infektsgedöns, das Auto war krank (Bob, die Story Teil 2 kommt auch noch), ich habe so wie Sonja das Gefühl, jeden Tag dem Wäscheyeti zu begegnen. Ich röööödele den ganzen Tag und finde mich abends trotzdem unproduktiv. Sisyphos, ihr wisst schon.

 

Und dann hatte ich Geburtstag. Huch. Vierzig. Viernull. Das klingt sehr gesetzt, so als wüsste man, wie der Hase läuft und so. Aber ehrlich gesagt: hm, naja. Ich kriege Runzelhände und sollte nicht so lang im Schneidersitz auf dem Fußboden sitzen. Ischias. Anmut war mal.

 

Für diesen Tag habe ich mir selber was geschenkt: ein kleines Katapult. Der totale Irrsinn und das erholsamste, das ich seit Jaaahren gemacht habe.

An meinem vierzigsten Geburtstag bin ich um vier Uhr früh aufgestanden, hab mich hübsch gemacht, Kaffee runtergezischt, hab mich ins Auto gesetzt und bin nach Schönefeld gefahren. Sechsuhrdreißig war ich in der Luft auf dem Weg nach Rom. Um zehn saß ich mit einem Cappuccino auf irgendeiner Piazza mit Blick auf einen riesigen Marmorfuß und hab der Stadt beim morgendlichen Indiegängekommen zugesehen. Nur ich und Rom. Keine Pläne, nur das, worauf ich spontan Lust habe. In der großen Buchhandlung stöbern und ein schönes Kochbuch kaufen. Lange im Pantheon sitzen und beeindruckt sein. Um  mich rum schwirrten die Touristen, quengelnde Kinder - völlig egal. So viel Ruhe hab ich selten empfunden. Ich war einfach nicht da, nicht erreichbar, nicht zuständig. Großartig.

Lange mittagessen in dem Lokal, in dem wir schon im Sommer tolle Sachen gegessen haben. Habe Ohren und Augen und die Nase weit aufgesperrt und meine neuen Italienischkenntnisse getestet. Nachmittags kam die Frühlingssonne raus, mitten im Februar und ich habe mich einfach auf Ruinenreste unter eine Zypresse im Forum Romanum gesetzt. Eine Stunde nur sitzen und kucken. Der Wahn!

Um halb neun abends ging die Maschine zurück nach Hause. Ich war hundemüde, aber so randvoll mit Leichtigkeit und Entspannung wie seit hundert Jahren nicht. 

Das Schöne ist, dass das Gefühl wieder da ist, wenn ich an den Tag denke, es ist abrufbar und macht mich froh. Eskapismus at its best, sozusagen.

 

Und dann kam noch die Lust auf was Neues, und auch gleich spontan beim Wäscheaufhängen, die Idee dazu. Ich werkele gerade an einer neuen Webseite, thematisch weit weg von Kind und Eltern. Nach fünf Jahren Mutterdasein hatte ich das dringende Bedürfnis, mich mal wieder auf das zu besinnen, was mich sonst so glücklich macht...mehr wird noch nicht verraten. Es ist noch ein ganzes Stück Arbeit, und zwar von der Sorte, die mich ausfüllt und froh macht. Und das strahlt auch bis ins Kinderzimmer; ich freu mich wieder, in die Tasten zu hauen. Juhuu! Auf einen fantastischen Frühling!

 

 

 

 

 

 

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Krimskrams

Bella von familieberlin fragte in die Runde, wie das so ist mit der Ordnung in anderen kindbewohnten Haushalten - und ich weiß genau, welches Bild sie im Kopf hatte. Ich liebe Fotos wie dieses oder dieses oder dieses. (Deshalb muss ich auch alle paar Tage hier schauen: It's Like They Know Us - grooßartige Sammlung von absolut sehr doll realitätsnahen Fotos vom Leben als Eltern.)

 

Also, ja, eigentlich mag ich es schon, wenns aufgeräumt ist. Das Rübchen hingegen hat für sich eine sehr eigene Definition von Ordnung: Dinge sind ungefähr da, wo sie sie fallengelassen hat. Morgens suchen wir den Bruder vom Winterstiefel. Bruder eins stand pflichtbewusst an seinem Platz neben der Wohnungstür. Bruder zwei haben wir fläzend unterm Sofa gefunden. Also, komischerweise standen da außerdem ein vollständiges Paar Schuhe von mir. Hab ich Wochen gesucht und wähnte sie vergessen in einem sachsen-anhaltinischen Hotel. Hm. Also, ääh, Ordnung. Ist wichtig, ne? So mit Vorbild und so....anyway.

 

Klar scheint: in steril ordentlichen Haushalten wohnen keine Kinder unter 25. Kind(er) und aufräumen sind zwei paar Schuhe, um im Bild zu bleiben. Warum?

 

Erstens: dieses ganze Spielgedöns ist, wie Bella schon festgestellt hat, kleinteilig. Lego. Playmobil. Barbie. Stifte, ausgedruckte Ausmalbilder und Puppengedöns.

 

Zweitens: Kinder spielen nicht (nur) in ihrem Zimmern. Sie wollen gern in Gesellschaft sein. Am großen Esstisch, wo Mama grade in den Computer hackt, im Wohnzimmer, wo Papa grade Fußball kuckt, in der Küche, wo eben gekocht wird. Irgendwie ist es ja nachvollziehbar: schließlich ist das Mitteilungs- und Mitspielbedürfnis groß. In den "Elternzimmern" sind ja auch die potentiell cooleren Sachen. Küchengeräte. Mamas Füller. Das iPad. Der Hocker, der als Pferd dient. Und das dreizehnte Kindergesetz lautet: wo Kind ist, ist Gedöns. Kind kommt nie ohne Gedöns, Zauberstäbe, Haarspangen, Kartenspiele. Kind minus Gedöns gleich null.

 

Nach fast fünfjähriger mutterschaftlicher Tätigkeit hier also nun meine ultimativen Hinweise:

 

Erstens: Zusammenhängende Dinge kaufen.

Quell der Unordnung ist die Vielfalt. Hat man drei Häuser von Lego, goki und der sylvanischen Mausfamilie muss man schon mal drei Kategorien auseinanderfieseln (wenn man denn auf Ordnung wert legt). Drei Kategorien bedeutet: dreimal Platz schaffen.

Besser man einigt sich auf eine Sorte: Bei uns ist das Playmobil. Es gibt die Kita, den Aquapark, die Pferdeställe, den Spielplatz (more to come). Und alles, wirklich alles davon kommt in EINE Kiste, die gleich unter dem Playmobiltisch steht. Da kann man zur Not mit dem Unterarm wischen und tabula rasa machen, wenns mal nötig sein sollte.

 

 

In diesem Zusammenhang: wer mag ein großes Puppenhaus aus Holz haben samt diverser Inneneinrichtungen?

 

Zweitens: Zerlegbare Dinge kaufen

Macht es ebenfalls einfacher und spart Platz. Puppenbuggy zusammenfalten. Legobau wieder auflösen (NUR nach Rücksprache mit Kind, da man sonst wahlweise nicht zu dessen Geburtstag eingeladen oder die blödste Mutter der Welt ist.)

 

Drittens: Kisten

 

Dani hat es erwähnt: Kisten sind wahrscheinlich von entnervten Müttern erfunden worden. Für jede Spielzeugkategorie eine Kiste mit einer eigenen Farbe. Aktuell haben wir Lego, Lego duplo, Bauklötze, Playmobil, Knete und Kochutensilien. Ich hab mir das "Kistchensystem" mittlerweile selber angeeignet und den ganzen Bad-/Pflegekram in Körbchen sortiert. Ist ungemein praktisch wenn man saubermacht und man findet Kram auch schneller. 

 

Viertens: ein Eckchen schaffen

Wenn es der Platz zulässt: vielleicht ist im Wohnzimmer ja Platz für eine Spielzeugkiste und/oder einen Kindertisch, auf dem man Kinderkram deponieren kann. So fliegt nicht alles überall rum, sondern bekommt einen eigenen Platz zugestanden. Hätte ich mehr Platz in der Küche, würde ich dem Rübchen noch eine Schublade oder einen Regalboden zur Verfügung stellen, so dass wir zusammen kochen. Ich liebe Luftkaffee.

 

Fünftens: einmal am Tag aufräumen

 

Ja, ich weiß, das ist so ein Sisyphos-Ding. Trotzdem: Chaos potentiert sich. Ist doch auch mal schön, freie Sicht auf den Fußboden (und diese Staubtiere) zu haben. Hat eigentlich jemand meine Uhr gesehen?

 

 

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Liebes Rübchen (4).

Auf dem Campo Santo Teutonico, Rom.
Auf dem Campo Santo Teutonico, Rom.

Heute morgen musstest du schrecklich weinen. Du hattest, unvermittelt wie es deine Art ist, beim Anziehen festgestellt, dass du noch nicht bald stirbst. Und dass du auch nicht möchtest, dass ich sterbe. Ich habe gesagt, dass alle Menschen und Tiere und Pflanzen einmal sterben müssen - aber dass wir ja dann im Himmel wieder zusammensein können, und dass es da schön ist. Dann hast du gefragt, ob du dein Schmusetuch dann mitnehmen kannst in den Himmel. Ich habe gesagt, dass man nichts mitnimmt, weil man dort alles hat. Seeehr schlau von mir. Die Unterlippe zuckt, du ziehst ein Schippchen. Maaahaaahain Schnüüühüüühüüüfel-tuuuhuuuch. Ich will aaabaaa maaahaaain Schnüüühüüüffeltuuhuuch...dann ist es ja gaahanz alllaaahiin...


Puh.


Ich glaube, bei keiner Frage sind Eltern so ratlos wie wenn es um Tod und Sterben geht. Ja, Sex ist noch so ein Ding, aber da wissen wir ja, worums geht - Glauben spielt da eher keine Rolle. Ich verstehe es doch selbst nicht, liebes Rübchen. Aber ich kann dir vielleicht was mitgeben. Eine Erfahrung.


Letzes Jahr ist meine Oma gestorben, einer meiner dicken Wurzeln im Leben. Irgendwie plötzlich. Den Gedanken schiebt man ja immer weg und gaukelt sich gern Ewigkeit vor, aber der Tod nimmt auf unsere Illusion keine Rücksicht. Ich hatte nie zuvor einen toten Menschen gesehen, fand die Vorstellung auch irgendwie gruselig und vielleicht auch abstoßend. Aber als ich erfahren hatte, dass sie tot ist, hatte ich den großen Wunsch sie zu sehen.


Die Umgebung im Bestattungsinstitut war wirklich grausig, das Gebäude hatte den Charme einer Garage, es war kühl, gefliest und sehr unpersönlich. Ich lief mit meiner Cousine an der Hand den langen Gang entlang zu dem Raum, in dem sie aufgebahrt lag. (Alle Wörter die mit Tod zu tun haben, klingen schrecklich, oder?) Zuerst habe ich sie als Spiegelung in einem Bilderrahmen gesehen, das sah surreal aus. Wir standen zuerst mit Abstand von einem Meter Respekt da, irgendwie musste ich mich erst mal mit ihrem Anblick vertraut machen. Wir haben geweint, eine Weile. Und dann bin ich zu ihr hingegangen. Habe ihre kalten Hände in meine genommen, sie waren mir so vertraut. Ich habe lange ihr Gesicht betrachtet und habe dabei etwas Essentielles gesehen - und auch etwas Essentielles verstanden. Ich konnte sehen und fühlen, dass sie nicht mehr da war. Sie war weg. So ein bisschen, als hätte jemand seine Klamotten ausgezogen und wäre weggegangen. Ich habe begriffen, dass sich der Körper von der eigentlichen Person getrennt hat. Mir wurde das so eindringlich klar, dass es mir, trotz meiner großen Traurigkeit, Zuversicht gegeben und mich unendlich getröstet hat. Ich wusste, dass der Tod mir keine Angst mehr machen würde.


Im Nachhinein wäre ich gern noch viel länger dort geblieben, hätte gern noch neben ihr gesessen, sie gestreichelt und sie angeschaut. Wir hatten nur leider einen komplett unsensiblen Trottel als Bestatter gehabt, der auf die Uhr schaute und sanft drängelte. Ich kann eigentlich nur jedem ans Herz legen, sich die Zeit mit dem toten Menschen zu nehmen, sich zu erinnern, mit ihm zu reden, zu schweigen und seinen Frieden zu machen - mit dem Menschen und mit dem Tod.


In der Zeit danach, hatte ich manchmal das Gefühl, sie bei mir zu haben. Das klingt sehr seltsam, aber ich konnte "hören", wie sie mir spricht. Ihre Person und ihre Stimme war stärker als eine Erinnerung, irgendwie innerlich hörbar. 


Was ich dir mitgeben kann, liebes kleines Rübchen, ist, dass man wohl immer irgendwie zusammenbleibt. Auch wenn ich mal tot bin, glaube ich fest daran, dass ich trotzdem bei dir sein kann, tief innen drin, im Herzen. Und die zwei kleinen, von mir geerbten, schiefen Zehen sind eh ein Teil von mir an Dir.


Und bis dahin machen wir uns ein schönes, buntes Leben.

Deine Mama, die dich unsterblich lieb hat.

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Schönes neues 2016! Und: Ich bring ihn um. Versprochen!

Foto: Andrey Davydchyk
Foto: Andrey Davydchyk

Ich bring ihn einfach um.

Den Schweinehund.

 

Ich hätte ohne Schweinehund unglaublich viel Zeit, weil ich nicht mit ihm diskutieren müsste, dass Sofaliegen und Candy Crush spielen keine sportliche Disziplin ist (er sagt, doch, weil Schach wäre ja auch..und so). Oder dass ein halbes Pfund Nudeln mit Balsamicoessig keine im oecotrophologischen Sinne wertvolle Mahlzeit ist. Dass es ÜBERHAUPT NICHT weit ist zum Sportstudio. Dass er nicht immer Facebook und Einrichtungsblogs anklickt, wenn ich ernsthaft was schreiben will. Ich hätte auch mehr Zeit, weil ich dann nicht sinnlos bei Ikea oder in irgendwelchen Damenoberbekleidungsgeschäften rumlungere und mir Sachen kaufe, die weder ich noch mein Konto dringend brauchen. Also total dringend.

 

Ich bring ihn einfach um, dann kann ich mehr bloggen, werde schlank und reich und eine Wahnsinsmutti, die fließend Italienisch spricht.

 

Liebste Leserschaft, ich wünsche Euch noch ein tolles neues Jahr - und kippe auch viel Asche aufs Haupt, sooo lange nicht mehr für Euch in die Tasten gehauen zu haben. Aber nun! Es kommen wundervolle schweinehundlose Wochen auf uns zu :-)  

 

 

 

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Umsonst ist umsonst

Foto: Stiftung Bildung/Bezirkselternausschuss Steglitz-Zehlendorf
Foto: Stiftung Bildung/Bezirkselternausschuss Steglitz-Zehlendorf

 

Manchmal kanns auch politisch werden, hier im kuscheligen Kinderzimmer. Meistens dann, wenn ich morgens zwischen Käsebrot und Kaffee meine abonnierte Tageszeitung (jaaa, so alt bin ich) lese und zwischen "Hää?" und "Oh!" schwanke, gedanklich.

 

"Oh" hab ich gedacht, als ich vorgestern Statistiken gesehen habe, die den Unterschied zwischen fünfjährigen Kita-/Kindergartenkindern und Kindern, die keine Einrichtung vor Schulbeginn besucht haben, aufzeigen. Die gute Nachricht ist, dass der Kitabesuch eine Menge an Defiziten, die von zuhause mitgebracht werden, wieder ausgleichen kann. Das kommt den Kindern später in der Schule zugute.

Quelle: Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, Visualisierung: Tagesspiegel Data
Quelle: Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, Visualisierung: Tagesspiegel Data

Ganze 48 Prozentpunkte beträgt der Unterschied zwischen den Kindergartenkindern und den "Zuhausekindern" mit Sprachdefiziten (beispielsweise Schwierigkeiten, Sätze nachzusprechen, Worte zu ergänzen oder den Plural zu bilden). Kinder mit denen entweder wenig oder nachlässig gesprochen wird, holen durch den täglichen Umgang mit anderen Kindern und Erziehern mächtig auf und werden es später leichter haben, sich gut zu verständigen. Interessant ist dabei, dass Sprachdefizite nicht automatisch mit einem Migrationshintergrund in Verbindung stehen:

 

"Auch hier hat man es mit einem sozialen Phänomen zu tun, weshalb auch ein Bezirk mit einer geringen Migrationsquote von nur 16,5 Prozent wie Marzahn-Hellersdorf eine 30-Prozent-Quote bei den Sprachdefiziten hat. Zum Vergleich: Pankow hat fast die gleiche Migrantenquote wie Marzahn-Hellersdorf, aber nur zehn Prozent Kinder mit Sprachdefiziten."

(tagesspiegel.de)

 

Die folgende Grafik zeigt, dass immer mehr Kinder von Migranten eine Kita besuchen - und dass dieser Besuch mit einer Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse belohnt wird. Hier wird deutlich, wie wichtig es sein wird, auch die Kinder von Flüchtlingen schnell in Kitas und Kindergärten unterzubringen.

Quelle: Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, Visualisierung: Tagesspiegel Data
Quelle: Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, Visualisierung: Tagesspiegel Data

Trotz der an sich positiven Aussichten für Berliner Kitakinder gibt es auch Zahlen, vor denen es mir graust:

 

"Für die Kinder hat der soziale Status der Eltern schwerwiegende Folgen – nicht nur für den Schulerfolg, sondern auch für die Gesundheit: Je ärmer die Eltern, desto größer das Risiko für die Kinder, krankhaft dick – adipös – zu sein oder unter schlechten Zähnen zu leiden: Jedes achte Kind aus der unteren Schicht hat bereits Zähne wegen Karies verloren oder hat schon im Kindergartenalter abgefaulte Zähne. Einem rauchenden Elternteil ausgesetzt zu sein, passiert in der sozialen Oberschicht nur jedem achten Kind, aber fast jedem zweiten aus der unteren Sozialschicht." (tagesspiegel.de)

 

Waaas?!? Traurig zu sehen, dass Eltern mit der Verantwortung für ihre Kinder entweder überfordert sind oder ein so großes Desinteresse an den Tag legen, dass sie deren Gesundheit der Bequemlichkeit/Ignoranz(?) halber aufs Spiel setzen. Traurig, dass ein Kindergarten das kleine Einmaleins der guten Ernährung und Körperpflege gewährleisten muss. Traurig, dass manchen Eltern zum Thema "mein Kind sollte was zu Essen mit in die Schule nehmen" nur ein Päckchen trockene China-Nudeln einfällt. Sorry, aber was hat das mit Geld zu tun? Sind China-Nudeln billiger als ein Brot? Sind Zahnbürsten (fünfundsechzig Cent, zwei Stück)  und Zahnpasta (fünfundsechzig Cent) so viel teurer als eine Packung Zigaretten?

 

Also, ich nehme zur Kenntnis, das die Kita für einige Kinder wirklich eine Art "Rettung" ist, in gesundheitlicher, sozialer bildungs- und ernährungstechnischer Hinsicht.

 

 


 

Neue Schlagzeile:

 

"Kitabesuch in Berlin ab 2018 kostenlos"

(Da denk ich dann "Hää?!")

Das olle Argument, Kitagebühren seien eine Hürde für arme und/oder bildungsferne Familien, zieht in Berlin nicht. Denn schon seit einigen Jahren fallen für Kinder ab drei Jahren keine Zuzahlungen an, außer der Essenspauschale von 23 euro monatlich.

 

Ein nun kostenloser Krippenbesuch bedeutet 56 Millionen Euro Mehrkosten für Berlin. 56 Millionen, die nicht etwa in mehr Erzieher, deren bessere Bezahlung, mehr Qualität, mehr Ausstattung fließen. 56 Millionen, die keinen Deut zur Verbesserung der jetzigen Situation der Kitas beitragen können. 56 Millionen, die überspitzt gesagt, die alleinerziehende und vollzeitarbeitende Mutter über ihre Steuern zahlt, damit das Baby des doppelverdienenden Chefarztehepaar keine Krippengebühren zahlen muss. Wie doof ist das denn?

 

Kein Kind aus unteren sozialen Schichten wird nun eher in eine Einrichtung gehen - weil es bisher auch so geregelt war, dass derjenige, der wenig bis nichts verdient, auch nur wenig bis nichts zahlen muss. Warum befreit man alle Eltern? Auch die, die Geld erübrigen können und auch Willens sind, dies zu investieren? Warum will der Senat alles allein finanzieren, wenn er doch auf finanzielle Unterstützung besser gestellter Familien zählen könnte? Für mich klingt das nach blöder (Wahl-)Propaganda, deren Folgen absehbar sind. Dazu muss man nur mal einen Blick auf die Schulen werfen, die chronisch unterfinanziert sind und unter einem massiven Investitionsstau leiden. Daniela von Treuenfels schreibt für die Stiftung Bildung des Bezirkselternausschusses Steglitz-Zehlendorf den Blog Einstürzende Schulbauten. In diesem Jahr hat sie wieder einen Adventskalender veröffentlicht, der einen Einblick in die marode Berliner Schulwelt gewährt. Am 8. Dezember zum Beispiel schreibt sie:

 

Schimmel an den Wänden, Regen in den Klassenzimmern, herunterfallende Deckenplatten, bröckelnder Putz, ein immer wieder zusammenbrechendes Stromnetz, zu kleine Mensa mit zuwenig Essensausgabestellen, ausfallende Heizungen – so beschreiben Eltern der Anna-Lindh-Grundschule in Mitte das Gebäude, in dem ihre Kinder täglich lernen.

 

Schaut auch mal bitte diese Bilder an. Das ist nicht Wladiwostok. Sondern eine Schule in Zehlendorf, wo Wasser aus der Steckdose (!!) kommt und aus dem Hahn nur braune Brühe fließt. Eine von Hunderten von Schulen, die allein aus dem Berliner Haushalt finanziert werden.

 

 

Zusammengefasst: es ist immer wieder deutlich, wie wichtig gute Kindergärten sind. Gerade angesichts der vielen Kinder, die nun aus Syrien, Afghanistan oder sonstwoher kommen und die ihren Platz in Deutschland finden müssen, sprachlich, sozial und kulturell. Und, siehe oben, auch für "alteingesessene" Berliner Kinder spielen Kitas eine fundamentale Rolle, um einen einigermaßen guten Start ins Schulleben hinzubekommen.

 

Wir sollten aufhören zu denken, dass gute Betreuung und gute Bildung weder elterliches Engagement noch den elterlichen Geldbeutel brauchen. Beides gibt es nicht umsonst. Ich persönlich befürchte, dass in 10 oder 15 Jahren städtische Kitas ebenso schlimm beisammen sind wie die Schulen heute. Und dass wir dann den Kindern, die am meisten von ihnen profitieren, marode Baracken anbieten zum Spielen und Lernen. 

  Ich hätte die 56 Millionen gerne gut investiert in bestehende Strukturen gesehen, in die Schaffung zusätzlicher Stellen für Erzieher und Sozialarbeiter, in Schwimmunterricht, in Sanierung und Renovierung alter Gebäude.

 

 

Und ich würde mir wünschen, dass jeder analog zu seinem Einkommen etwas dazugibt, das wäre dann den Kindern vorgelebte Solidarität. Denn umsonst ist nie was.

Bitte unterstützt Einrichtungen, die die Kinder auffangen und ihnen ein zweites Zuhause bieten können - beispielweise der Arche, oder dem Mehrgenerationenhaus in der Wassertorstraße, das Kindern ein warmes Mittagessen anbietet:

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Viel Weihnachten.

Foto: yaban/photocase.de
Foto: yaban/photocase.de

Ich freu mich auf Weihnachten. Echt jetzt. Irgendwie freu mich mich seit fast, ääh, also vierzig Jahren jedes Jahr ab Herbst aufs Fest.

Es ist jetzt nicht so, dass ich nicht hektisches Rumrennen in Kaufhäusern kenne, bei einer Innentemperatur von 34 Grad. Oder dieses Wie-machen-wir-was, und wann und wer. Aber trotzdem..

 

Als die Rübe auf die Welt kam, haben wir uns überlegt: erstens wollen wir an und über Weihnachten nirgendwo hinfahren. Vorher haben wir noch getrennt gefeiert, jeweils 400km auseinander bei unseren Familien. Mit Kind wollten wir das anders machen. Zuhause. Wer uns besuchen mag, gern! Und der Mann und ich lieben den Moment, wenn wir nach den letzten Einkäufen am Mittag des 24. die Wohnungstür von innen abschließen und wissen, jetzt sind nur noch wir dran. Wir haben uns echt Gedanken gemacht: dass wir ja nun eine Familie sind und sozusagen zusammen neue Weihnachtstraditionen "erfinden" müssen. Eine, die das Kind dann immer im Kindheitsherzen behält. Hattet ihr früher auch irgendwie durchchoreographierte Feiertage? Ich meine das jetzt gar nicht negativ, sondern eher, dass der Zeitpunkt des Christbaumschmückens oder das Essen und die drei Haselnüsse für Aschenbrödel jedes Mal gleich war? Was man am ersten Feiertag macht oder am zweiten?

 

Für uns haben wir eigentlich ein Motto gefunden..nämlich viel. 

 

Viel Zeit:

Tolle lange Tage zu dritt, ohne Termine, ohne Büro. Langes Frühstück, langes Spielen, lange Spaziergänge. Wir kochen zusammen Dinge, die lange brauchen; hören lange Weihnachtskonzerte und haben ein bisschen das Gefühl, durchaus die Welt ein klein wenig bremsen zu können. Wir müssen nirgendwohin. Ich liebe das sehr.

 

"Viel gemütlich":

Tee trinken und auf dem Sofa die neuen Bücher lesen/ankucken. Dicke Socken. Licht aus und nur Kerzen an. Alte englische Tierarztserien kucken. Lego im Wohnzimmer aufbauen. In der Wanne Krimis lesen. Der Geruch von Braten aus der Küche.

 

Viel Essen:

Hier meine ich gar nicht unbedingt, dass man sich so mit Gans vollstopft, dass deren Beine einem zu den Ohren rauskommen. Sondern dass man die Zeit hat, zu kochen. Serviettenknödel und Creme Brulee. Baguette und Weihnachtskuchen backen. Für mich hat Weihnachten sehr viel mit Essen zu tun: alle zusammen an einem Tisch, wir teilen, wir genießen und reden zusammen. Ja, und ein Gläschen Schampus sei uns auch gegönnt. :-)

 

Viele Geschenke:

Es scheiden sich die Geister ja sehr an Geschenken für die Kinder und ehrlich gesagt, finde ich das schade. Von Konsumgesellschaft ist die Rede, dass die Kinder reizüberflutet sind, die Sachen das Zimmer verstopfen und so weiter....

Ich liebe es, Geschenke für das Rübchen auszusuchen. Sehr. Und sie bekommt auch mehr als eins (oder zwei oder drei). Warum auch nicht? Ich weiß, was sie sich wünscht. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass sie keins der Kinder ist, die in der Spielwarenabteilung ausflippen. Sie kommt sehr gut damit klar, etwas nicht zu bekommen - und auch damit, dass jemand anderes etwas hat, dass sie sich auch wünscht. Das war mir immer wichtig, ihr das beizubringen. Sie sagt: oh, das will ich auch gern mal haben - und gut ists. Wir haben in der letzten Woche Spielsachen und Kleidung an arme Kinder gespendet - sie kann also auch abgeben. Und ich habe drauf geachtet, ihr in den Monaten vor Heiligabend nichts mehr zum Spielen zu kaufen, so dass sie sich mehr freuen kann. Sie bekommt Dinge, die sie cool findet (eine Barbie, die sich zur Mermaid umfunktionieren lässt) und Dinge, von denen ich denke, dass sie was lernen kann (Webrahmen und ein Tiptoi mit Ersten Zahlen). Märchensammlung und Vorlesebuch von den Omas. Ich freu mich sehr, wenn sie sich freut. 


Ich finde, Weihnachten darf ein Fest mit viel Viel sein. So, wie es auch wieder Zeiten gibt, wo es mal nix Neues, nix Opulentes gibt, wo es stressig ist und trubelig. Das macht doch ein Jahr aus: zu jeder Jahreszeit gibt es was anderes. Traditionen, saisonales Essen. Weihnachten ist für mich Licht im dunklen Winter und Wärme im Herzen. Davon kann man nie zuviel haben, nicht?


Habt ein schönes Fest!

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Muttis kleines Hamsterrad

Foto: sommerkind/photocase.de
Foto: sommerkind/photocase.de

Ich starre auf die DuploHanutaKaugummiundFeuerzeug-Auslage an der Kasse und muss unweigerlich an die Szene mit Michael Douglas denken, wie er im Stau steht, nichts geht mehr, er ist eingepfercht im Auto, eingepfercht im Stau und auch sonst irgendwie eingepfercht. Schweißperlen haben sich auf seiner Oberlippe gebildet, Hintergrundrauschen aus Hupen, Radio, Funksprechanlagen und Sirenen. Wahrscheinlich ist es weit über 30 Grad. Und es stinkt offensichtlich nach Abgas und bepinkelter Unterführung.

 

Wie komm ich jetzt von Supermarkt auf Falling Down?

 

Kennt ihr den Moment, wo man sich einfach irgendwie die Kleider vom Leib reißen und brüllen könnte? Weil man grade innerlich durchknallt? 

 

Also, es fängt ja oft irgendwie so an, dass man morgens, schlimmstenfalls im prä-koffeinierten Zustand überlegt, was heute so alles anfällt und gemacht werden müsste, man klungelt sich im Koppe eine To-Do-Liste zusammen. Dann fällt einem auf, dass man immer To-Do-Listen macht, dann aber das Leben, der Schweinehund, was zu Essen oder die Frucht der eigenen Lenden dazwischenkommt. Also rödelt man sich sehr ungelangweilt durch den Tag mit nicht aufschiebbaren Dingen wie Kind heil, ernährt und sauber durch den Tag zu bringen, Jagen und Sammeln, Erwerbsgedöns, Wäsche, Wäsche und Wäsche, in Wartezimmern rumsitzen, essen und einkaufen und so. Dann hat man sein kleines, persönliches Alltagslabyrinth bezwungen und stellt fest, dass das einzige, was jetzt noch fluffich von der Hand geht, das Liegen, Netflix und das immer schneller aufeinanderfolgende Augenblinzeln ist. Man liegt da und fühlt sich kaputt aber unter Strom, WEIL ja die ganze Kür noch brach liegt. Also Bloggen zum Beispiel, die Hausaufgaben für den endlich begonnenen Italienischkurs, der netto sechs Stunden pro Woche kostet, die Ablage von Papierkram. Basteln. Nudeln machen. Ausdauernd mit der Rübe spielen. Sport. (Sport?!!? SPOCHT?!? Haahhahahahaahaha!!!). Und das macht so traurig. Weil wieder ein Tag rum ist, der einen nicht ausgefüllt hat im Sinne von Glück oder Erreichen einer persönlichen Messlatte. Morgen ist der 1.Dezember. Gestern war der erste Advent. Und soll ich euch was sagen: hier hängt noch nicht mal ein Stern und das Adventskranzmetallrund staubt noch dornröschenähnlich im Keller vor sich hin. Heul. Kreisch. Gut, schon wenigstens drüber geschrieben zu haben.


Also zuhause alles fertig, morgens alles rund ums neue Auto (über meinen neuen Freund Bob und mich ein andermal :)) organisiert, draußen ist es isselich, grau, nieselniesel (da krieg ich schlimme Haare von), kurz vor 4, ich muss los zur Kita. Ich weiß, dass ich den Schlüssel...aber wo...ah! Ich nehm mal den Einkaufskorb mit Leergut mit. In voller Montur, Daunenmantel, Mütze, fetter Schal, fällt mir ein, dass ich auch noch den Müll...will die Wohnungstür abschließen, der Schlüssel fällt runter, ich muss die Müllbeutelschlingen vom Handgelenk reissen, die bleiben aber erst mal hartnäckig am Handschuh hängen. Love it. Schicke Flüche ins Treppenhaus.


Sturm. Niesel. Lauter unglaubliche 50 Kilo - Frauen mit bildschönen puderrosa Wollmänteln laufen da draußen rum, die haben nie niesel-krisseligen Haare und sehen so leicht und schwebend aus. Die gehen bestimmt nie einkaufen, sonder essen nur Sushi auswärts. Schlurfe mit ollen braunen Boots, Rudimentärmakeup und irgendwie sehr un-berlinmittig Richtung Kita. Die Bierflaschen klappern rhythmisch im Korb.

 

Die Kita hat eine Umkleide, die gefühlt so groß ist wie ein Gästehandtuch, für 30 Kinder. Es sind 40 Grad und riecht nach Rotkohl und Babypups. Mein Kind kommt erst herzlich um die Ecke, entscheidet sich aber spontan, noch vierzehnmal exakt den roten Mattenteppich umranden zu müssen. Derweil packe ich mehr oder weniger motivierte Gemälde, Laternen oder äääh, Geschnittenes ein. Sage vierzehnmal was von Herkommen und Hose anziehen und so. Dem Kind fällt dann noch ein, nochmal pullern zu müssen. Ich hab Wartemusik im Kopf. Ich zieh mich aus (vierzig Grad), um dann das Kind anzuziehen. Ja, sie kann das mit viereinhalb schon. Dauert nur. Halbtage. Fummelfummel an, ich pack mich auch wieder ein. Inzwischen ist es so gut wie dunkel. Dunkeldiesig. Bei dunkeldiesig schaltet mein Körper auf Nahrungsaufnahme und Schlaf. Ist aber erst halb fünf.

 

Wir gehen also in den Supermarkt, den ich nicht leiden kann, weil er eng ist und stinkt. Liegt aber so schön auf dem Weg. Durch die Wuschwusch-Schiebetür bläst einem dieses Klimavieh nach nassem Hund riechende, warme Luft ins Antlitz. Das Kind quengelt gemäß Pawlowschen Reflex sofort nach einem Brötchen. Sofort. Weil es hat sooo Hunger. Sooo Hunger, Mama. MMMaaammaaaa!! Chefunterhändlermäßige Verhandlungen über Zucker, Fett und sonstwas. Kind schiebt sich Rosinenbrötchen ins Gesicht. 

Ich brauche einen Einkaufswagen. Ich hatte auch mal einen Euro da im Korb. Oder in der Jacke. Angele in allen Taschen rum, derweil steht das Kind zuverlässig anderen Leuten im Weg. Ein Rentner schiebt mir seinen Wagen in die Hacken. Das Portemonnaie ist ganz unten in der Tasche. Mach es auf. Fingere nach Münzen im Halbdunkel, die euroähnlich aussehen.Die Wollmütze juckt an der Stirn. Endlich hab ich das Vieh entkettet. Ihr wisst, was jetzt kommt, ne? Ich willaberimWaaaaagensitzen!!! Meinetwegen. Ich stell den Korb mit ollen Flaschen in den Wagen. Dann geht aber der Sitz nicht richtig auf. IchwillaaabaaaimWaaaaagensitzenmmmaaamamaa!!! Wir stehen gemeinsam im Weg. Menschen mit großen Tüten voller Leergut ziehen an mir vorbei zum Leergutautomaten, davon gibt es natürlich nur einen.

Ich popele den Korb anders hin, Sitz geht auf. Ich hebe 18 Kilo hoch. Die 18 Kilo versuchen, sich in den bis zu 15 Kilo zugelassenen Sitz zu winden. Der dicke Winterstiefel klemmt. Ich halte die 18 Kilo immer noch. Der erste Schwitzanfall unterm Daunenmantel.. Der Schal hängt mir am Kinn und reibt da hin und her. Erste kleine Aggressionsschübe. Das Kind ist platziert. Ich hab ein leichtes Taubheitsgefühl in den Schultern. Puderfarbene Wollmäntelmädchen bewegen sich leichtfüßig mit Proseccoflaschen Richtung Kasse, während ich beim Leergut anstehe. Lange. Sehr lange. Das Kind hängt derweil mit dem Kopf im Weihnachtskinderschokoladeständer. Dekolametta fällt. Ich schenke den Herren mit den großen Tüten mein Leergut.

 

Ich habe vergessen, was ich dringend brauchte. Schiebe das Kind durch die vollgestellten Reihen, remple hier und da mal an und kaufe ausschließlich unsinnige Impulsware. Neue Plastiklöffel. Okay, und der Kaffeejoghurt muss sein und Schokolade. Langsam komm ich in Fahrt. Das Obst und Gemüse ist so ömmelig wie eh und je, so dass mir klar wird, ich muss das gleiche auch noch mal im Biomarkt absolvieren. Laune sinkt, reiße mir den Schal vom Hals. Das Kind besteht darauf, nur noch an den Füßen geschoben werden zu können. Schubkarrenstyle. Hab jetzt ollen Straßenmatsch an der Jacke. Egal. Ich nehm noch saure Haribo mit zum gleich nach der Kasse reinschlingen. Denke daran, jetzt noch mal 20 Minuten zu verlieren und ich wollte doch noch. Noch aufräumen. Noch was kochen. Unbedingt endlich was bloggen. Zeit mit dem Kind verbringen. Ist ja schon dreiviertel fünf. Nie Zeit für was gemütliches, gemütlich basteln, zuhause rumprockeln. Laune null. Bin sauer auf die Welt, die nix dafür kann und mich. Stehe an der Kasse. Vor mir eine Klassenfahrt. 25 zu dünn angezogene Menschen aus Paderborn, losgelassen in Berlin. Alle 25 haben was in der Hand. Eine Cola. Eine Cola und Chips. Eine Cola. Eine Spritedose und Kaugummi. Ich bin achselfeucht. Warmer Mief steigt an mir hoch. Das Kind fragt mich achtmal die gleiche Frage. Warum heißt das Hanuta? Warum heißt das Hanuta? Warum heißt das Hanuta? Warum heißt das Hanuta? Mama? Ich atme. Atme gegen die Ungeduld und gegen das Gefühl, grade echt Blutdruck zu haben und gegen das Gefühl, so komplett unzulänglich, kleinfauldickdoofundhässlich zu sein. Mein Schal schleift über den Boden und verfängt sich schließlich mit den Fransen im Einkaufswagenrad. Das Kind klemmt sich die Finger zwischen Wagen und Kassenband. Meine Ohren klingeln. Storno Kasse drei.

 

Denke an Michael Douglas. 


Probiere zuhause den schönen Wollmantel an, den ich schon lange habe., gleich nachdem ich zwei Wäsche, einen Blogbeitrag, kochen, essen, spielen, schimpfen, Kind baden, aufräumen, Küche saubermachen, Kind ins Bett und Italienischhaussaufgaben bringen hinter mich gebracht habe.


 Er ist zu eng.

 

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Rübchen. Mama. Ferien. (und Wäsche).

Das ist ein Beitrag aus der wundervollen Reihe "Ich packe meinen Koffer". Jeden Freitag erzählt ein Blog vom Reisen. Gerade kommt er aus Bratislava, wo Timbaru ihn auf dem Krönungsweg mithatte. 


Acht Stunden Anreisezeit bis zum Lieblingseiland. Drei Züge und ein Schiff. Dreimal Umsteigen. Abfahrt morgens um halb acht, Mutti steht um halb sechs auf. Zwei Kaffee ex. Ein Koffertrumm, ein Rucksack, eine Handtasche, ein Kosmetikköfferchen. Und das Kind mit Rucksack und bestem Freund unterm Arm.

 

Unterwegs (Auszug)

Du hast jetzt schon Hunger? Aber Rübchen, wir sind doch erst in der S-Bahn. Ja gleich. Wenn wir im Zug sitzen, kriegst du ein Brot. 

Der Mann hat gesagt, dass die S-Bahn irgendwo nicht fahren kann. Weil die Gleise da kaputt sind, und die müssen nun repariert werden. - Mama, warum sind die denn kaputt? - Weil sie wohl schon alt sind. - Mama, wenn die Menschen alt sind und kaputt gehen, kann man die nicht mehr reparieren. Dann stirbt man. Da gibts nichts anderes. - [Kurzes mütterlich-internes Schniefen].

 

Setz dich mal dahin Rübchen, das ist unser Platz. Zieh mal deine Jacke aus und die Mütze. --  Du kannst gleich ein Brot haben, zieh mal die Jacke aus. Ich muss aber erst mal die Taschen verstauen. -- Was das Schild bedeutet? Dass man hier leise sein soll.-- Nein, man darf nicht schreien. Weil die andren Leute in Ruhe lesen und zugfahren wollen. Jetzt zieh doch mal die Jacke aus! Rübchen!? Jacke aus! Wo ist denn jetzt deine Mütze? -- Dann heb sie auf. -- Was hast du denn da?! Schmeiss das sofort wieder weg!! Bääh! Das hat da jemand unter den Sitz geworfen. Das ist Müll. -- Das weiß ich nicht, warum der das dahin geworfen hat. Das darf man nicht, das ist dumm. Ja, jetzt kriegst du ein Brot. -- Sei vorsichtig mit dem Klapptisch!! Nicht drauflehnen! Rüüübchen!! Nicht drauflehnen!!!! -- Weil das kaputtgeht! -- Das ist nicht gemacht zum Draufsitzen, nur zum Essen. -- Was? Ach so, du wolltest Käse und keine Salami drauf. Jaja, ich habs ja gehört. Nicht ausflippen. Jetzt iss mal. ------

[Ich esse auch mal was. Klapptisch auf, Serviette ausbreiten, Brot drauf, Trinken bereitstellen. Ich kaue und atme mal..]

--Mama, ich muss mal pullern. --

[angefangene Stulle in Tüte, Serviette in Tüte, Trinken in Rucksack, vier Taschen im Fußraum rumschieben. Kind rausoperieren zwischen Sitz, Taschen und Klapptisch.]

Aber NICHTS anfassen!!

[Zurück. Wir essen. Kind hört nervensägige Hörbücher über Kopfhörer. Ich frickele mir meine Kopfhörer rein, die Landschaft fliegt vorbei, ich atme zum zweiten mal, Reisemusik in meinem Gehörgang. Ich muss erst mal "Delmenhorst" hören, nicht zuletzt, weil wir da später auch mal durchkommen auf der Reise. Sven Regner setzt an. 

Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist und das ist immer Delmenhorst Es ist schön, wenn's nicht mehr weh tut und wo zu sein, wo du nie warst

Hinter Huchting ist ein Graben, der ist weder breit noch tief und dann kommt gleich Getränke Hoffmann Sag' Bescheid, wenn du mich liebst

Ich hab jetzt Sachen an, die du --

SCHÖN'NJUTNMOORGNDIEFAAHRSCHEINEBIDDE

[ich reiße mir die Kopfhörer raus]

Rübchen, gib mir mal bitte das Telefon. Nur ganz kurz! -- Doch! Du kannst es ja gleich wiederhaben, ich muss nur kurz-- Rübchen!!! Bitte!!! -- Weil da der Fahrschein drauf ist auf dem Telefon. -- Ja, hier kannst du den anschauen, siehst du.

[Taschen im Fußraum rumschieben, Kopf am ausgefahrenen Klapptisch des Kindes stoßen, die Gürtelschnalle macht ne Delle in LungeLeberMagen, wo ist denn das Sch***portemonnaie?!?]

-- du nicht magst und die sind immer grün und blau

Ob ich wirklich Sport betreibe, interessiert hier keine Sau

Hinter Huchting ist ein Grabender in die Ochtum sich ergießt

und dann kommt gleich Getränke --

Was? Rübchen , ich habe dich nicht verstanden. Noch ein Brot? Nein, jetzt noch nichts Süßes. Nachher. Iss erst mal ein Brot. Käse? Was? Ich kann dich nicht verstehen, wenn du so einen Quengeltoooooon drauf hast. Was willst du denn?? Einen Apfel. Okay. Warte, da muss ich erst die Apfeldose aus dem Rucksack holen.

 [Taschen im Fußraum rumschieben, Kopf am ausgefahrenen Klapptisch des Kindes stoßen, die Gürtelschnalle macht ne Delle in LungeLeberMagen, warum klemmt denn jetzt diese Sch***dose da fest?!?]

Wann wir da sind? Das dauert noch, wir sind ja noch nicht mal in Wolfsburg.....

 

Im Urlaub (auch Auszug)

[Halb acht]. Guten Morgen Rübchen, hast du schön geschlafen? Sollen wir frühstücken? Zieh mal die Hausschuhe an. Und Socken. Ja, du kannst mein Armband anziehen. -- Komm ich mache es Dir auch zu. Warum weinst du jetzt? Ist runtergefallen? Oh, ist nicht schlimm. Es ist zu groß für Dich, da fällt es eben runter. Zieh jetzt mal Hausschuhe an. Und Socken. -- Okay dann mach ich es. Wieso denn nicht diese Socken? .-- Die haben wir nicht dabei. -- Nein, haben wir nicht. Zieh doch die blauen an. -- Ich hab die lilanen (sic) nicht dabei, ich kann sie mir ja nicht jetzt aus den Rippen schneiden. Zieh doch jetzt einfach irgendwelche an und Hausschuhe. -- Rüüüübchen, bitte!!

Müsli oder Brot? -- Okay, hier kannst du dein Müsli selber einschütten.

[erster Schluck Kaffee]

[aufstehen, Müslihäufchen auf dem Tisch wieder einfangen.] 

Noch mehr Müsli? Aber du hast ja noch.. -- nee, man kann nicht nur die Rosinen essen, der Rest muss auch in den Bauch. --

[Zweiter Schluck Kaffee.] [aufstehen. Milch aus dem Kühlschrank holen.] Nein, nicht die Milch selber schütten!! Nicht! --

[aufstehen. Lappen holen][Dritter Schluck Kaffee]

Willst du auch noch ein Brot? Was soll denn drauf? -- Käse, was denn für einer?

[aufstehen, vergessenen Käse aus dem Kühlschrank holen.]

[Telefon ding-dingt]

Der Käse schmeckt nicht? Dann leg ihn hier hin, auf deinen Teller. Auf deinen Teller. Okay, lieber Marmelade. Hier. -- Du kannst doch mein Messer nehmen. -- Du willst ein eigenes. Fein. Nicht ausflippen.

[aufstehen. Messer holen]

Oooh, was ist denn jetzt los? Runtergefallen. Ist doch nicht schlimm. Kein Grund zu weinen, Maus. Komm mal auf meinen Schoß. Dein Brot ist kaputt? Aber es schmeckt doch trotzdem! -- Komm, ich mach dir jetzt ein neues [Kind auf Schoß schaukelnd, schmierschmier unter dezidierten und präzisen Anweisungen kindseits].

[bisher kein vierter Schluck Kaffee].

 

Waschen, Anziehen.

Komm, Schuhe an, wir wollen los! [Kind kann sich beileibe nicht entscheiden, auf welche der drei Stufen, die zur Wohnungstür führen, es sich setzten soll, um Schuhe anzuziehen.]

[Pegelstand in der Kaffeetasse für diese Tageszeit immer noch bedrohlich zu hoch. Tageszeitung jungfräulich glatt, nur umgedreht auf Vermischtes. Habe aber alle zehnzeiligen Meldungen auf dieser Seite zu royalen Ereignissen oder Tieren und die Wettervorhersage gelesen.]

 


[Auf zum Dünenlokal.] Rübchen, das ist ziemlich weit, soll Mama ein Fahrrad mieten mit Kindersitz? Okay. Ja, wir nehmen das grüne. Rosa gibts nicht. Nur grün. Doch, die Schneehose müssen wir drüberziehen. Und Handschuhe.

[Mutti pedaliert, statt am Meer oder schön durch die Dünen zu wandern, die laaaaangweilige Hauptstraße lang. Zufriedenes Geplapper von hinten. Vor mir bergauf, die Wollmütze juckt wie Hulle, der Daunenmantel bringt mich um. Schwitz. Jetzt wieder runter, huiiiii, Sonne scheint, keiner auf der Straße, schön kurvig, Sonne im Haar, Kind lacht hinten, wir fahren von ganz alleine bergab, alles gut.]

Wart mal, Rübchen, wir müssen mal anhalten. Das Haus da..? Und der Leuchtturm hier...? Wir müssen mal Google fragen, wo wir sind. Oh. Statt schwungvoll die schöne Düne runterzusegeln, hätten wir links abbiegen müssen. [Den ganzen schönen Abhang retour. Die Spaghetti von gestern abend und die Salt and Vinegar Chips der letzten vier Monate sagen hello. Ich halluziniere die Fischer, die aaaaatemlos singt. 17 Kilo hintendrauf und eine schöne, entgegenwehende Nordseebrise bergauf. Das Kind imitiert belustigt mein Geächze.] Höhöhö. Mama, ich finde Radfahren auch anstrengend. Mama, hättest du besser hingesehen, wärst du nicht falsch gefahren. -- Du alter Schlaumeier!! -- Kind heult beleidigt.

Google Maps
Google Maps

DA sind wir endlich, Rübchen. Kuck mal, der beste Platz ist frei!

Nicht mit den Schuhen aufs Sofa! Ja, du kannst ein Eis haben, aber erst Gemüse essen und ein bisschen Suppe, okay? Pass bitte auf mit der Apfelschorle. Stell sie mal hin. Nein, stell sie mal hin. Nimm mal den Strohhalm [Einmal Gemüsesticks, die Kartoffelsuppe, die Fischsuppe und das Aioli bitte.]. Nicht in die Schorle pusten. Willst du ein Buch ankucken? Nein? Komm, iss mal. Warum weinst du denn? Ist noch heiß? Komm, wir pusten. Trink mal was. Ich probier noch mal. Ist nicht mehr heiß. Probier mal, ist gaaar nicht mehr heiß. Du kannst noch ein Stück Brot essen. Stell die Schorle mal wieder hin. -- [Ich greife zum Löffel. Ich hab ja auch Essen. Das Brot riecht warm. ] -- Mama, ich muss pullern.


[Ganz kurzer Erinnerungsflash an den Tag, als ich mal mit dem Mann alleine hier saß, wohlig schweigend, lecker essend, einen Weißwein in der Hand und Urlaub im Gemüt...]

Nur noch einen Cappuccino, ja, dann fahren wir wieder. Dann müssen wir dir die dicke Schneelatzhose wieder überpellen...Ja, aber nur ein bisschen Milchschaum. Heee, das war eigentlich mein Keks. Du könntest wenigstens mal fragen. -- Ja, einen Löffel Schaum noch. Mach bitte die Füße vom Polster. -- Nein, du kannst keinen Kaffee trinken. -- Weil das nix für Kinder ist, da ist Koffein drin. -- Auch nicht wenn du bald vier bist. -- Mit vierzehn.-- Ja, zähl mal. 

-- Da vorne steht unser Rad. -- Nein ist nicht mehr weit, siehst du, da! -- Nein, ich trag dich jetzt nicht, und warum tun DIR die Beine weh?!

 

Du willst auf den Spielplatz? Okay, Mama geht nur noch in diesen Laden hier. Nur mal kucken. Kommst du? Leg das bitte wieder hin. Sei vorsichtig, das ist aus Glas, ganz zart wieder hinstellen. Nein, das kaufen wir jetzt nicht. Ein rosa Nudelsieb passt nicht mehr in unseren Koffer. Ja, du hast recht, der ist schön. Nein, den kaufen wir jetzt nicht. Kommst du? Rübchen? Bitte nicht anfassen, das ist auch aus Glas. Kommst du? Rüüübchen?!!!! Du wolltest doch gern schaukeln gehen am Strand und noch Muscheln sammeln..

 

 

Nächste Woche erzählt Sarah aus dem Zwergenzimmerchen, was ihre Lieblingsplätze sind.



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Liebes Rübchen. (3)

Foto: Andrey Davydchyk
Foto: Andrey Davydchyk

Ich habe neulich einen Satz gelesen der durch die Blogs schwirrte, und der mir irgendwie Sorge bereitete.

 

Dein Alltag ist ihre Kindheit.

 

Au weia, dachte ich ersten Moment. Habe überlegt, an was du dich erinnern wirst, später? An deine Mutter, die dich jeden Morgen anpault, weil du überm dringenden Klavierspielen/Barbieschuhe suchen/Papa am Fenster winken/Nase popeln vergessen hast, die Schuhe anzuziehen? Deine Mutter sagt nämlich jeden Tag etwa vierhundert mal, dass du irgendwelche Schuhe an- oder ausziehen sollst. Ich habe  große Sorge, dass du dich nicht an das erinnerst, was wir aus Erwachsenensicht als "schöne Kindheit" bezeichnen. Das hat immer was mit Freiheit zu tun, mit Landleben, sich dreckig machen, auf Bäume klettern, mit Apfelkuchen backen, mit Weihnachten. Mit Familie und Freunden und Zeit. Es hat immer was bullerbü-eskes, nicht?

 

Bei der einen Oma ist es ein bisschen so, die wohnt ländlich mit Riesengarten am Wald, da gibt es Hühner und ein Baumhaus. Abends Lagerfeuer und tagsüber Damwild füttern. Alles ohne elterliche Bespaßung und Aufsicht nur aus den Augenwinkeln. Hier im ollen Berlin geht das alles gar nicht. Rumrennen geht nur im Park. Aufsichtlos irgendwo spielen ist undenkbar. In der Woche sind wir getaktet mit Kita und Alltag. Gerade in letzter Zeit muss ich viel an dir rumerziehen, wir beide streiten oft, du machst nicht, was ich dir sage, ich bin ungeduldig mit dir und schiele viel auf die Uhr. Du fragst mich, ob wir was spielen können und ich sage, nee ich muss noch das Bad putzen. Doofe Mama.

 

Aber dann gibt es Morgen, an denen viel Schnee liegt und die Sonne scheint. Oder welche, wo wir beide noch kuschelig im Bett liegen und Lust haben, schwimmen zu gehen. Dann machen wir blau, melden uns von der Kita und vom Zahnarzt ab und fahren Schlitten oder schwimmen mit Pinguinen. Freuen uns beide über die geklaute Zeit und essen noch Pizza bei Va Piano. Ich hoffe, das ist es woran du dich erinnerst: daran, dass ich gerne mit dir zusammen bin. An unsre Mädchenabende mit Kakao und Decke auf dem Sofa und Aschenputtel im Fernsehen. Ich hoffe, du wirst immer wissen, dass du in deiner Kindheit Mama und Papa hattest, die dich mehr liebhaben als alles andere auf der Welt. Dass du zwei Omas und einen Opa und einen Uropa hier sowie einen Opa und eine Uroma im Himmel hast, die auf dich aufpassen. Dass wir alle zusammen sind. Schön wäre es, wenn du das Gefühl, geborgen zu sein, immer im Herzen haben könntest, auch wenn es mal kalt wird im Leben.

 

Einen dicken Kuss von

Deiner Mama.

 

 

 

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