Acht Stunden Anreisezeit bis zum Lieblingseiland. Drei Züge und ein Schiff. Dreimal Umsteigen. Abfahrt morgens um halb acht, Mutti steht um halb sechs auf. Zwei Kaffee ex. Ein Koffertrumm, ein Rucksack, eine Handtasche, ein Kosmetikköfferchen. Und das Kind mit Rucksack und bestem Freund unterm Arm.

 

Unterwegs (Auszug)

Du hast jetzt schon Hunger? Aber Rübchen, wir sind doch erst in der S-Bahn. Ja gleich. Wenn wir im Zug sitzen, kriegst du ein Brot. 

Der Mann hat gesagt, dass die S-Bahn irgendwo nicht fahren kann. Weil die Gleise da kaputt sind, und die müssen nun repariert werden. - Mama, warum sind die denn kaputt? - Weil sie wohl schon alt sind. - Mama, wenn die Menschen alt sind und kaputt gehen, kann man die nicht mehr reparieren. Dann stirbt man. Da gibts nichts anderes. - [Kurzes mütterlich-internes Schniefen].

 

Setz dich mal dahin Rübchen, das ist unser Platz. Zieh mal deine Jacke aus und die Mütze. --  Du kannst gleich ein Brot haben, zieh mal die Jacke aus. Ich muss aber erst mal die Taschen verstauen. -- Was das Schild bedeutet? Dass man hier leise sein soll.-- Nein, man darf nicht schreien. Weil die andren Leute in Ruhe lesen und zugfahren wollen. Jetzt zieh doch mal die Jacke aus! Rübchen!? Jacke aus! Wo ist denn jetzt deine Mütze? -- Dann heb sie auf. -- Was hast du denn da?! Schmeiss das sofort wieder weg!! Bääh! Das hat da jemand unter den Sitz geworfen. Das ist Müll. -- Das weiß ich nicht, warum der das dahin geworfen hat. Das darf man nicht, das ist dumm. Ja, jetzt kriegst du ein Brot. -- Sei vorsichtig mit dem Klapptisch!! Nicht drauflehnen! Rüüübchen!! Nicht drauflehnen!!!! -- Weil das kaputtgeht! -- Das ist nicht gemacht zum Draufsitzen, nur zum Essen. -- Was? Ach so, du wolltest Käse und keine Salami drauf. Jaja, ich habs ja gehört. Nicht ausflippen. Jetzt iss mal. ------

[Ich esse auch mal was. Klapptisch auf, Serviette ausbreiten, Brot drauf, Trinken bereitstellen. Ich kaue und atme mal..]

--Mama, ich muss mal pullern. --

[angefangene Stulle in Tüte, Serviette in Tüte, Trinken in Rucksack, vier Taschen im Fußraum rumschieben. Kind rausoperieren zwischen Sitz, Taschen und Klapptisch.]

Aber NICHTS anfassen!!

[Zurück. Wir essen. Kind hört nervensägige Hörbücher über Kopfhörer. Ich frickele mir meine Kopfhörer rein, die Landschaft fliegt vorbei, ich atme zum zweiten mal, Reisemusik in meinem Gehörgang. Ich muss erst mal "Delmenhorst" hören, nicht zuletzt, weil wir da später auch mal durchkommen auf der Reise. Sven Regner setzt an. 

Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist und das ist immer Delmenhorst Es ist schön, wenn's nicht mehr weh tut und wo zu sein, wo du nie warst

Hinter Huchting ist ein Graben, der ist weder breit noch tief und dann kommt gleich Getränke Hoffmann Sag' Bescheid, wenn du mich liebst

Ich hab jetzt Sachen an, die du --

SCHÖN'NJUTNMOORGNDIEFAAHRSCHEINEBIDDE

[ich reiße mir die Kopfhörer raus]

Rübchen, gib mir mal bitte das Telefon. Nur ganz kurz! -- Doch! Du kannst es ja gleich wiederhaben, ich muss nur kurz-- Rübchen!!! Bitte!!! -- Weil da der Fahrschein drauf ist auf dem Telefon. -- Ja, hier kannst du den anschauen, siehst du.

[Taschen im Fußraum rumschieben, Kopf am ausgefahrenen Klapptisch des Kindes stoßen, die Gürtelschnalle macht ne Delle in LungeLeberMagen, wo ist denn das Sch***portemonnaie?!?]

-- du nicht magst und die sind immer grün und blau

Ob ich wirklich Sport betreibe, interessiert hier keine Sau

Hinter Huchting ist ein Grabender in die Ochtum sich ergießt

und dann kommt gleich Getränke --

Was? Rübchen , ich habe dich nicht verstanden. Noch ein Brot? Nein, jetzt noch nichts Süßes. Nachher. Iss erst mal ein Brot. Käse? Was? Ich kann dich nicht verstehen, wenn du so einen Quengeltoooooon drauf hast. Was willst du denn?? Einen Apfel. Okay. Warte, da muss ich erst die Apfeldose aus dem Rucksack holen.

 [Taschen im Fußraum rumschieben, Kopf am ausgefahrenen Klapptisch des Kindes stoßen, die Gürtelschnalle macht ne Delle in LungeLeberMagen, warum klemmt denn jetzt diese Sch***dose da fest?!?]

Wann wir da sind? Das dauert noch, wir sind ja noch nicht mal in Wolfsburg.....

 

Im Urlaub (auch Auszug)

[Halb acht]. Guten Morgen Rübchen, hast du schön geschlafen? Sollen wir frühstücken? Zieh mal die Hausschuhe an. Und Socken. Ja, du kannst mein Armband anziehen. -- Komm ich mache es Dir auch zu. Warum weinst du jetzt? Ist runtergefallen? Oh, ist nicht schlimm. Es ist zu groß für Dich, da fällt es eben runter. Zieh jetzt mal Hausschuhe an. Und Socken. -- Okay dann mach ich es. Wieso denn nicht diese Socken? .-- Die haben wir nicht dabei. -- Nein, haben wir nicht. Zieh doch die blauen an. -- Ich hab die lilanen (sic) nicht dabei, ich kann sie mir ja nicht jetzt aus den Rippen schneiden. Zieh doch jetzt einfach irgendwelche an und Hausschuhe. -- Rüüüübchen, bitte!!

Müsli oder Brot? -- Okay, hier kannst du dein Müsli selber einschütten.

[erster Schluck Kaffee]

[aufstehen, Müslihäufchen auf dem Tisch wieder einfangen.] 

Noch mehr Müsli? Aber du hast ja noch.. -- nee, man kann nicht nur die Rosinen essen, der Rest muss auch in den Bauch. --

[Zweiter Schluck Kaffee.] [aufstehen. Milch aus dem Kühlschrank holen.] Nein, nicht die Milch selber schütten!! Nicht! --

[aufstehen. Lappen holen][Dritter Schluck Kaffee]

Willst du auch noch ein Brot? Was soll denn drauf? -- Käse, was denn für einer?

[aufstehen, vergessenen Käse aus dem Kühlschrank holen.]

[Telefon ding-dingt]

Der Käse schmeckt nicht? Dann leg ihn hier hin, auf deinen Teller. Auf deinen Teller. Okay, lieber Marmelade. Hier. -- Du kannst doch mein Messer nehmen. -- Du willst ein eigenes. Fein. Nicht ausflippen.

[aufstehen. Messer holen]

Oooh, was ist denn jetzt los? Runtergefallen. Ist doch nicht schlimm. Kein Grund zu weinen, Maus. Komm mal auf meinen Schoß. Dein Brot ist kaputt? Aber es schmeckt doch trotzdem! -- Komm, ich mach dir jetzt ein neues [Kind auf Schoß schaukelnd, schmierschmier unter dezidierten und präzisen Anweisungen kindseits].

[bisher kein vierter Schluck Kaffee].

 

Waschen, Anziehen.

Komm, Schuhe an, wir wollen los! [Kind kann sich beileibe nicht entscheiden, auf welche der drei Stufen, die zur Wohnungstür führen, es sich setzten soll, um Schuhe anzuziehen.]

[Pegelstand in der Kaffeetasse für diese Tageszeit immer noch bedrohlich zu hoch. Tageszeitung jungfräulich glatt, nur umgedreht auf Vermischtes. Habe aber alle zehnzeiligen Meldungen auf dieser Seite zu royalen Ereignissen oder Tieren und die Wettervorhersage gelesen.]

 

 

[Auf zum Dünenlokal.] Rübchen, das ist ziemlich weit, soll Mama ein Fahrrad mieten mit Kindersitz? Okay. Ja, wir nehmen das grüne. Rosa gibts nicht. Nur grün. Doch, die Schneehose müssen wir drüberziehen. Und Handschuhe.

[Mutti pedaliert, statt am Meer oder schön durch die Dünen zu wandern, die laaaaangweilige Hauptstraße lang. Zufriedenes Geplapper von hinten. Vor mir bergauf, die Wollmütze juckt wie Hulle, der Daunenmantel bringt mich um. Schwitz. Jetzt wieder runter, huiiiii, Sonne scheint, keiner auf der Straße, schön kurvig, Sonne im Haar, Kind lacht hinten, wir fahren von ganz alleine bergab, alles gut.]

Wart mal, Rübchen, wir müssen mal anhalten. Das Haus da..? Und der Leuchtturm hier...? Wir müssen mal Google fragen, wo wir sind. Oh. Statt schwungvoll die schöne Düne runterzusegeln, hätten wir links abbiegen müssen. [Den ganzen schönen Abhang retour. Die Spaghetti von gestern abend und die Salt and Vinegar Chips der letzten vier Monate sagen hello. Ich halluziniere die Fischer, die aaaaatemlos singt. 17 Kilo hintendrauf und eine schöne, entgegenwehende Nordseebrise bergauf. Das Kind imitiert belustigt mein Geächze.] Höhöhö. Mama, ich finde Radfahren auch anstrengend. Mama, hättest du besser hingesehen, wärst du nicht falsch gefahren. -- Du alter Schlaumeier!! -- Kind heult beleidigt.

Google Maps
Google Maps

DA sind wir endlich, Rübchen. Kuck mal, der beste Platz ist frei!

Nicht mit den Schuhen aufs Sofa! Ja, du kannst ein Eis haben, aber erst Gemüse essen und ein bisschen Suppe, okay? Pass bitte auf mit der Apfelschorle. Stell sie mal hin. Nein, stell sie mal hin. Nimm mal den Strohhalm [Einmal Gemüsesticks, die Kartoffelsuppe, die Fischsuppe und das Aioli bitte.]. Nicht in die Schorle pusten. Willst du ein Buch ankucken? Nein? Komm, iss mal. Warum weinst du denn? Ist noch heiß? Komm, wir pusten. Trink mal was. Ich probier noch mal. Ist nicht mehr heiß. Probier mal, ist gaaar nicht mehr heiß. Du kannst noch ein Stück Brot essen. Stell die Schorle mal wieder hin. -- [Ich greife zum Löffel. Ich hab ja auch Essen. Das Brot riecht warm. ] -- Mama, ich muss pullern.

 

[Ganz kurzer Erinnerungsflash an den Tag, als ich mal mit dem Mann alleine hier saß, wohlig schweigend, lecker essend, einen Weißwein in der Hand und Urlaub im Gemüt...]

Nur noch einen Cappuccino, ja, dann fahren wir wieder. Dann müssen wir dir die dicke Schneelatzhose wieder überpellen...Ja, aber nur ein bisschen Milchschaum. Heee, das war eigentlich mein Keks. Du könntest wenigstens mal fragen. -- Ja, einen Löffel Schaum noch. Mach bitte die Füße vom Polster. -- Nein, du kannst keinen Kaffee trinken. -- Weil das nix für Kinder ist, da ist Koffein drin. -- Auch nicht wenn du bald vier bist. -- Mit vierzehn.-- Ja, zähl mal. 

-- Da vorne steht unser Rad. -- Nein ist nicht mehr weit, siehst du, da! -- Nein, ich trag dich jetzt nicht, und warum tun DIR die Beine weh?!

 

Du willst auf den Spielplatz? Okay, Mama geht nur noch in diesen Laden hier. Nur mal kucken. Kommst du? Leg das bitte wieder hin. Sei vorsichtig, das ist aus Glas, ganz zart wieder hinstellen. Nein, das kaufen wir jetzt nicht. Ein rosa Nudelsieb passt nicht mehr in unseren Koffer. Ja, du hast recht, der ist schön. Nein, den kaufen wir jetzt nicht. Kommst du? Rübchen? Bitte nicht anfassen, das ist auch aus Glas. Kommst du? Rüüübchen?!!!! Du wolltest doch gern schaukeln gehen am Strand und noch Muscheln sammeln..

 

 

Schlaf schön. Ich komm gleich noch mal zu dir und wir kuscheln, die Mama holt nur eben die Wäsche aus der Waschmaschine und tut sie in den Trockner. -- Weil die Sachen schwitzig und schmutzig waren vom Eisessen und vom Spielplatz. -- Ja, die haben hier eine Waschmaschine. Gut, ne?

 

Danach

 Ankunft nach acht Stunden Reise. 21 Hemden zu bügeln. Vier verdorrende Blumen. Ich küsse montags den Boden vor der Kitatür und sage den ganzen ersten Alltag nach den Ferien gar nix. Trinke meinen Kaffee und den ganzen Milchschaum allein in Berlin und kucke in den ollen Hinterhof. Fühlt sich fast wie Urlaub an.