Liebes Rübchen. (3)

Foto: Andrey Davydchyk
Foto: Andrey Davydchyk

Ich habe neulich einen Satz gelesen der durch die Blogs schwirrte, und der mir irgendwie Sorge bereitete.

 

Dein Alltag ist ihre Kindheit.

 

Au weia, dachte ich ersten Moment. Habe überlegt, an was du dich erinnern wirst, später? An deine Mutter, die dich jeden Morgen anpault, weil du überm dringenden Klavierspielen/Barbieschuhe suchen/Papa am Fenster winken/Nase popeln vergessen hast, die Schuhe anzuziehen? Deine Mutter sagt nämlich jeden Tag etwa vierhundert mal, dass du irgendwelche Schuhe an- oder ausziehen sollst. Ich habe  große Sorge, dass du dich nicht an das erinnerst, was wir aus Erwachsenensicht als "schöne Kindheit" bezeichnen. Das hat immer was mit Freiheit zu tun, mit Landleben, sich dreckig machen, auf Bäume klettern, mit Apfelkuchen backen, mit Weihnachten. Mit Familie und Freunden und Zeit. Es hat immer was bullerbü-eskes, nicht?

 

Bei der einen Oma ist es ein bisschen so, die wohnt ländlich mit Riesengarten am Wald, da gibt es Hühner und ein Baumhaus. Abends Lagerfeuer und tagsüber Damwild füttern. Alles ohne elterliche Bespaßung und Aufsicht nur aus den Augenwinkeln. Hier im ollen Berlin geht das alles gar nicht. Rumrennen geht nur im Park. Aufsichtlos irgendwo spielen ist undenkbar. In der Woche sind wir getaktet mit Kita und Alltag. Gerade in letzter Zeit muss ich viel an dir rumerziehen, wir beide streiten oft, du machst nicht, was ich dir sage, ich bin ungeduldig mit dir und schiele viel auf die Uhr. Du fragst mich, ob wir was spielen können und ich sage, nee ich muss noch das Bad putzen. Doofe Mama.

 

Aber dann gibt es Morgen, an denen viel Schnee liegt und die Sonne scheint. Oder welche, wo wir beide noch kuschelig im Bett liegen und Lust haben, schwimmen zu gehen. Dann machen wir blau, melden uns von der Kita und vom Zahnarzt ab und fahren Schlitten oder schwimmen mit Pinguinen. Freuen uns beide über die geklaute Zeit und essen noch Pizza bei Va Piano. Ich hoffe, das ist es woran du dich erinnerst: daran, dass ich gerne mit dir zusammen bin. An unsre Mädchenabende mit Kakao und Decke auf dem Sofa und Aschenputtel im Fernsehen. Ich hoffe, du wirst immer wissen, dass du in deiner Kindheit Mama und Papa hattest, die dich mehr liebhaben als alles andere auf der Welt. Dass du zwei Omas und einen Opa und einen Uropa hier sowie einen Opa und eine Uroma im Himmel hast, die auf dich aufpassen. Dass wir alle zusammen sind. Schön wäre es, wenn du das Gefühl, geborgen zu sein, immer im Herzen haben könntest, auch wenn es mal kalt wird im Leben.

 

Einen dicken Kuss von

Deiner Mama.

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Mel (Dienstag, 19 April 2016 11:00)

    Hallo Nadine,

    toller Text und ein Satz der tatsächlich zum Nachdenken anregt...dein Alltag ist ihre Kindheit...mmh vielleicht sollte man sich dies etwas öfter bewusst machen und danach entscheiden was für diesen Tag wirklich wichtig ist?!!!

    Liebe Grüße aus der Pfalz
    Mel