Bob und ich. 

Ich werde demnächst mal vierzig und habe noch nie ein Auto besessen. Alle Leute vom Land fragen jetzt, ob ich ein normales Leben führen würde. Aber entweder hatte ich früher nicht die Kohle dazu oder es war schlichtweg überflüssig, wenn man so mitten drin wohnt in Berlin und sich ausschließlich im BVG-Dunstkreis bewegt. Ich könnte jetzt noch ganz korrekt den Umweltgedanken benennen. Das wäre aber unlauter, weil ich mit zunehmendem Al---, nein zunehmender Reife irgendwie bequem werde und außerdem sehr oft zu zweit auftauche mit jemandem, der kleiner ist, viel Gedöns braucht, nix tragen kann und Schwimmkurse in entlegenen Stadtteilen macht. Ich möchte meinen Pöterich in einen sitzheizungswarmen Sitz plazieren, nicht auf den Bus warten, wenns regnet. Nicht immer Taschen und Taschen und Taschen schleppen. Meine Freundin Anne sagt, sie hätte sich zum ersten Mal erwachsen gefühlt, als sie mit dem Auto einkaufen gefahren ist (also, Anne ist flotte Mitte Dreißig und Mutter). Mir gehts auch so. Irgendwie macht Autofahren souverän. Find ich. Man kann mal eben schnell in den Baumarkt, zu Ikea, nach Pontius und Pilatus.

 

Ich musste nach meiner einsamen Entscheidung jetzt sofort ein Fahrzeug zu wollen, nur noch den Gatten von dieser gefühlten Notwendigkeit überzeugen. Und so stierten wir abendelang auf irgendwelche Webseiten mit Autos drauf. 

 

Ich bin ja, wie oben beschrieben, autotechnisch völlig unbeleckt und falle regelmäßig in Ohnmacht angesichts der Preise. Dreissig!! Tausend!! Euro!! für einen gebrauchten Mittelklassewagen? Hat das schon immer so viel gekostet?! 

Wir sind uns ziemlich einig, dass wir keine Lust haben, wahnsinnig viel Geld auszugeben. Das Auto, ich nenn es schon mal Bob, wird auf der Straße wohnen, darf auch schon ein bisschen benutzt aussehen, so dass man keinen Herzinfarkt bei kleinen Kratzern kriegen muss. Er muss noch ein paar Jahre halten, uns zuverlässig durch Berlin und auch mal Brandenburg fahren und er darf uns auch Spaß machen. Und hübsch soll er sein, der Bob. Wir sind eher optisch als technisch veranlagt, der Gatte und ich.

 

Optisch heisst, dass wir eine Schnittmenge im Geschmacksempfinden ausloten müssen, ich steh auf schlicht und groß und praktisch, Herr Kinderzimmer eher auf die Sorte "Wagen": alte Jaguars oder Mercedesse aus den 90ern... 

Wir suchten also den gemeinsamen Nenner. Klickten uns durch die Gegend. Verglichen. Verwarfen. Fragten an. 

 

Erste Erfahrung: die Markenhändler haben keine älteren Autos, und schon gar nicht in der Preislage bis 12000 Euro. Betritt man ein Häuser renommierter Autohändler und fragt nach der unteren Gebruachtwagenpreiskategorie hat man das gleiche Gefühl wie in Parfümerien und Gucciboutiquen: man ist unwürdig. Wieso eigentlich? Muss man dann immer zu den FeldWaldWiesen-Semidubiosen Händlern auf Brachflächen gehen, die in zugigen Containern sitzen? Die Unterm-Ladentisch-Fraktion? Okay, wir wollen mal keine Vorurteile pflegen, wir Neulinge.

 

Und da war er. Ein Bob. Für mich. Für uns. Zu groß, unökonomisch, aber seeeeehr cool, wie wir fanden und trösteten uns über den Spritverbrauch mit dem Gedanken hinweg, dass wir ja nicht sehr viel fahren. Man saß drin und hatte das Gefühl, dass einem keiner was kann. Ein Range Rover von 2002, wie gesagt, sehr hübsch und in schwarz. Very british, passt also zu uns ;-) Steht auf einer Brache in Reinickendorf bei einem FeldWaldWiesenhändler. 

 

Wir fuhren Probe. Die Patina im Innenraum fürs Retrogefühl... Es hatte sogar noch ein Kassettendeck!! Das passte gut, hab ich doch grade meine alten Kassetten aus dem Keller geholt und mich gefragt, wo ich die abspielen soll. Wir könnten also im Auto sehr alte Fünf Freunde und Hexe Schrumpeldei-Stories hören. Beim Einsteigen brauchte ich einen Haltegriff, weil das Vieh echt hoch ist. Beim Fahren fühlten wir uns so ein bisschen wie Manfred Krug auf Achse. Wir mochten den Bob-to-be. Der Ehemann kriegte ein Glänzen in den Augen. Wir hatten gute Laune. Der Preis passte auch :-)


Wir sind aber selten unvernünftig und beschließen, den Bob-Kandidaten bei der Dekra (nein, dies ist kein gesponsorter Post) ankucken zu lassen. Ich kletter wieder auf den Fahrersitz, der Verkehr fließt rechts und links unter mir vorbei und ich denke mir, jetzt könnten wir auch einen Ponytransportservice aufmachen. Es könnte hinten drin stehen und Möhre knurpsend mir über die Schulter kucken. Der Händler fragte noch, ob wir denn Pferde zu ziehen hätten und ich sagte, nein, meine Tochter wiegt keine 18 Kilo. Hihi. Ich muss doch das Mitte-Mutti-Klischee erfüllen und mit dem Vieh zur Bio Company fahren und dabei Latte Macchiato schlürfen und Yogaübungen machen. Und überhaupt, zu diesem Aut--, nein  Wagen, da würde doch ganz entzückend dieses Tweedjackett aus dem Laden in der Schlüterstraße...


Die Dekra, genau wie alle anderen mit-Autos-zu tun-habenden Gewerbeeinheiten, haben eine sehr eigene Ästhetik. Irgendwie praktisch männlich. Praktischer Teppichboden. Es riecht nach ollem Gummi. Die Möbel sind aus irgendeiner Geschäftsmöbelserie eines Herstellers, der sicherlich auch diese Einbaujugendzimmer vertickt. Immer liegt eine AutoBild rum, immer sehr robuste Pflanze und nicht sehr vertrauenswürdige, weil ömmelige Kaffeeautomaten. Bob-to-be wird begutachtet. Ich warte wie vor einem OP. Bekittelte Männer kommen rein und gehen wieder raus und sagen lange technische Wörter. Dann der Ruf, dass die Dame (gnihihi) mit dem Range Rover sich doch bitte mal was anschauen solle.


Fortsetzung folgt

 

 

 

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