Empathie: auf der Suche nach einem Gefühl

Francesca Schellhaas/photocase.de
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Alles, was man in diesen Tagen in den Nachrichten hört, in der Zeitung und bei Twitter liest, scheint sich um das (Nicht-)Vorhandensein eines einzigen Gefühls zu drehen. Eine Empfindung, die Menschen angeboren ist, genauso wie einigen Primaten. Eine zutiefst menschliche Fähigkeit, die die Basis jedweder sozialer Bindung ist, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Freunden, zwischen Fremden.

 

Menschen können nachvollziehen, wie es ist, jemanden zu verlieren. Auch wenn man selbst noch keine Erfahrung mit dem Tod hat, wird man die Trauer und die Verzweiflung eines Betroffenen nachempfinden können. Genauso wie man Glück mit-fühlen kann, wenn ein Kind auf die Welt kommt oder ein anderer verliebt ist. Genauso wie man den Schmerz fast selbst spürt, wenn ein anderer mit einer Nadel gepiekt wird oder ihm ein Hammer auf den Fuß fällt. Deshalb lacht man bei Ben Stiller-Filmen und heult bei Schnulzen.

 

Alles löst in Menschen ein Gefühl aus, und  das hat mit Empathie zu tun: Das Einnehmen der Perspektive eines anderen Menschen, das Nachempfinden seiner psychischen oder körperlichen Empfindungen. Aber auch eigene, meist intuitive Reaktionen wie Trösten, sich Freuen, eine spontane Umarmung zählen dazu. Wenn man so will, kann man dies als kommunikativen Akt sehen: Ich sehe, dass es dir nicht gut geht. Ich tröste dich nun, ich helfe dir.

 

Spannenderweise scheint Empathie, die Fähigkeit, mitfühlen und sich in andere hineinversetzen zu können, auch etwas mit Grenzsetzung und Gehorsam in der Erziehung zu tun zu haben. Arno Gruen, Psychologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller, sagt hierzu*:

 

Der englische Pädiater und Psychoanalytiker Donald Winnicot stellte schon Anfang der fünfziger Jahre die These auf, eine demokratische Gesellschaft brauche emotional reife Mitglieder, um zu funktionieren. (…) Emotionale Reife hat ihren Ursprung in der Fähigkeit des Mitfühlens, der Empathie, die jedes Kind schon im Mutterleib entwickelt. Diese Fähigkeit kann durch autoritäre Erziehung überlagert und sogar ganz zunichte werden.“ Weiter referiert Gruen über Studien, die nachweisen, "dass die empathischen Verdrahtungen des sympathischen Nervensystems während der Kindheit immer stimuliert werden müssen, da sie andernfalls aufhören zu funktionieren. Eine Erziehung, die auf Gehorsam pocht, hemmt oder zerstört empathische Fähigkeiten.“

 

Geben wir den Kindern ein Umfeld, das auf ihre Bedürfnisse eingeht, Nähe spendet, ihren Willen und ihre Empfindungen ernst nimmt, kann ihre Fähigkeit zur Empathie reifen. Es ist genau dieses Umfeld, das auch nötig ist, dass Kinder eine eigene Persönlichkeit entwickeln. Wir als Eltern, wir als Erzieher und Verantwortliche müssen uns fragen, ob wir den Kindern genau das ermöglichen. Zwingen wir den Kindern unsere Sichtweise auf oder lassen wir sie ihren eigenen Kopf haben? Respektieren wir Kinder als eigene (schutzwürdige) Individuen oder sehen wir sie als formbar? Gruen zitiert das nationalsozialistische Erziehungsmotto „Jedes Kind ist eine Schlacht“: „Dass es eine natürliche Feindschaft gibt zwischen Säugling und Eltern. Im Kampf der sogenannten Sozialisation muss das Kind dazu gebracht werden, sich dem Willen der Eltern zu unterwerfen. Das Kind muss daran gehindert werden, seinen Bedürfnissen und Genüssen nachzugehen. Der Konflikt, so heißt es, ist unvermeidlich und er muss zum Wohle des Kindes durch die Beharrlichkeit der Eltern gelöst werden."


Warum ich das hier schreibe? 

 

Vor allen Dingen schreibe ich das hier, weil mir jeden Tag übel wird, wenn ich lesen muss, wie mit schutzbedürftigen Menschen umgegangen wird. Menschen, die nichts dabei haben außer ein paar Habseligkeiten, die unsägliche Dinge erlebt haben und zu uns kommen mit der Hoffnung auf ein wenig Sicherheit und Frieden, auf ein angstfreies Leben. Die beschimpft, angepinkelt und geschlagen werden und deren Notunterkunft abgefackelt wird. Ich frage mich, wie entmenschlicht jemand sein muss, wie empathielos, gefühlskalt und im besten Sinne a-sozial, um wehrlosen Männern, Frauen und Kindern so etwas anzutun. Was ist da kaputt?

 

Einen andern zu beherrschen und runterzumachen vermittelt dabei ein Gefühl des Freiseins, weil es von der Last des eigenen Opferseins befreit.“, schreibt Arno Gruen. Kein Kind und kein junger Mensch sollte sich als Opfer fühlen müssen, hier in einem Land, das reich ist, Möglichkeiten bietet, in dem man frei denken und handeln darf. 

 

Ich weiß um schwierige Verhältnisse, Eltern, die ihren Kindern weder Vorbild noch Schutz sein können. Dennoch haben wir alle als zivile Gesellschaft eine Aufgabe: Kinder zu achten. Das beginnt mit einem verantwortungsbewussten Gesundheitssystem, das eben nicht diejenigen wegspart, die Menschen auf ihren ersten Metern als Eltern begleiten: Hebammen. Das geht über Arbeitszeitmodelle, die Kinder nicht wegrationalisieren; bis hin zu Kitas und Kindergärten, die mehr sind als bloße Kindergaragen. Ich denke an Schulen, die gut ausgestattet ein echter Lernort sind, mit motivierten Lehrern, die neben Wissen auch Werte vermitteln. 

 

Es kommen noch viele andere Fragen zusammen: wie wir erziehen wollen, sollen und vielleicht auch müssen – die andauernde Diskussion um Attachment Parenting als gutes, bzw. die der Helikoptereltern als eher abschreckendes Beispiel. Zum zweiten, wie Kinder in unseren Alltag passen. Ja, ich sage passen, weil sich Kinder offensichtlich mehr den Anforderungen des Arbeitsmarkts anpassen müssen als umgekehrt.  Zum dritten der Förderwahn einiger Eltern auf der einen, die soziale Verwahrlosung auf der anderen Seite.

 

Wir sollten aber nicht nur permanent zum Staat schielen und so die Verantwortung weiterreichen. Wir müssen selber empathischer werden, uns in die Kinder hineinversetzen, die einen weniger guten Start haben, denen es an Zuwendung, Aufmerksamkeit oder an materiellen Dingen mangelt. Wir müssen unseren eigenen Kindern gut zuhören und als das respektieren, was sie sind: von Natur aus empathische Wesen. Das Kind, das heute zum Opfer gemacht wird, wird sich morgen eins suchen.


*Sehr lesenswert ist dieser Vortrag von Arno Gruen, aus dem obige Textpassagen entnommen wurden: Die Konsequenzen des Gehorsams für die Entwicklung von Identität und Kreativität. 

 

 

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