Supermuttimodus: an/aus

Ich stehe mit Mann, Kind, Gepäck und Übergepäck in sengender Hitze auf einer italienischen Flughafen-Bushaltestelle, also, da soll einer kommen, der uns zur Mietwagenstation bringt. Es ist voll, ich schwitze aus allen Poren, der Koffer rollt gemächlich von allein Richtung Bordsteinkante, das Kind hört nicht auf zu quaken und der Mann fragt vierzig Fragen in der Minute, die ich auch nicht beantworten kann. Meine überquellende Handtasche rutscht mir ständig über den Rucksack von der Schulter vor die Brust. Es gibt 45 Quadratzentimeter Schatten, da stehen aber schon neun andere, vor sich hin ölende Menschen mit Gedöns um sich rum.

 

Was macht Mutti, ergo icke? Lässt alles fallen, sucht in der Tasche, oder in der anderen Tasche GANZ UNTEN diese Miniflasche Sonnencreme, damit das Kind ja nix an fieser Sonnenstrahlung abkriegt. Schmiere hektisch am Kind rum, das Zeug klebt, alle Klamottenränder sind instant-ömmeliggelb, meine Hände kleben und ich weiß, ich kann auf gar keinen Fall demnächst das iPad rausholen, um im Auto den Weg zum Ferienhaus zu navigieren. Ich schmiere und rotze die Creme aus der glitschigen Flasche und die Leute um mich rum sehen mich mitleidig-amüsiert-teilnahmslos an:

 

Achtung, der deutsche Mutterhelikopter ist gelandet. 

 

 Im Flugzeug hatte das Kind  vor dem Start Nasenspray intus und die Kinderohrstöpsel für den Druckausgleich. Und Kaugummi. Hinter uns gluckst unbefangen ein Baby, ich denke mal, ohrstöpselfrei.

 

Das Kind hat auch insgesamt zweimal so viel Klamotten dabei wie ich, und von der Reiseapotheke fang ich jetzt gar nicht an.

 

Es schließt Freundschaft mit einer hiesigen Katze, ein kleiner junger Streuner. Im Kopf schnell die kompletten Impfpass durchgegangen. Gut, Tetanus....aber was ist mit Tollwut? Wie schnell muss man da eine Impfung...? Wo ist denn hier eigentlich ein Krankenhaus? Und was ist mit Flöhen? Springen die über? Beißen die? 

 

Ich dränge den ganzen Tag dem Kind den Sonnenhut, den Platz im Schatten, die Wasserflasche auf. Zieh bitte das Kleid an. Nee, lieber das andere, das ist zu weit ausgeschnitten, da sind die Schultern so blank. Jetzt lieber eine Hose. Und das andere Shirt, ist doch viel zu warm. Ich habe Stunden nach guter Sonnenmilch gegoogelt und mich ungefähr so lang mit UV-Schwimmsachen beschäftigt wie früher mit Uniklausuren. Seitdem weiß ich, dass es gar nicht mal um die verbrennende/braun machende Strahlung geht, sondern die Strahlung, die durch die normalen Klamotten und die Sonnenmilch durchdringen und die Haut kaputtmachen. Der Wahnsinn!! Sofort nach australischem Standard geprüftes Rollkragenschwimmshirt mit Dreiviertelhose gekauft.


Dann sitze ich erst noch in Berlin da im Schwimmbad und mir tut mein Kind leid mit diesem bestimmt fieswarmen Shirt, das dann später kühlfeucht am Körperchen klebt (ich natürlich frank und frei  im handelsüblichen Badeanzug völlig ohne UV-Schnickschnack). Am Abend sind sie und ich gleichermaßen käseweiß, wegen der 50+-Lotion. 

 

Hier kuck ich mir die ganzen italienischen Kinder an, alle fröhlich, keins hat einen Hut auf. Keins!! Am Strand, so wie ich früher, eine kleine bunte Badehose an, fertig.  Sind die überhaupt eingecremt? Mit 50+? Und so ein Spaghettiträgershirt geht doch gar nicht, hallo, die Schultern sind eine Sonnenterrasse!! Hallo!! Wo ist der Verband der italienischen Hautärzte?? Die Plakate? Die Panik, die Warnungen? Unser Kind wird als dicker pinker Fleck (Shirt, Hose) von überall auffindbar sein.

 

 Wann haben wir eigentlich verlernt, die Welt mit ihren Nebenwirkungen wie Sonne, Temperatur, Klima, Staub, Keime einfach mal so hinzunehmen ohne die große Maschinerie des "Geschisses" (wie meine Mutter zu sagen pflegt) anzuwerfen? Warum habe ich permanent Angst vor allen möglichen und vielmehr unmöglichen Gefahren? Ist das (noch) normaler Mutterreflex oder ist das eher die Folge einer Über-Google-Foren-andere Webseiten-Dosis?

 

Nach dem Strandtag setzt bei mir plötzlich das Bedürfnis nach kompletter Entspannung ein. Vielleicht bricht sich jetzt mein südländisches Ich bahn... jedenfalls habe ich das dringende Bedürfnis, vom Muttiplaneten zurück auf die Erde mit gesundem Menschenverstand zu fliegen. Ohne Heli, sondern mit Chuzpe per Anhalter getarnt als Susi Sorglos. Zugegebenermaßen erkenne ich bislang die Grenze zwischen normalem Menschenverstand und Übergeschisses noch nicht sehr klar. Aber ich bemühe mich. Und schiele derweil einfach auf die grundentspannten italienischen Mamas da neben mir am Strand.





PS: Falls bei Google Earth ein pinker Fleck in der Adria zu erkennen ist: das ist die australisch-geprüfte Super-UV-lass-nix-durch-auch-keine-Luft-Hose. War dem Kind zu warm. Wurde im Wasser ausgezogen und schwimmt nun auf nimmerwiedersehen seelenruhig auf Muttis Alarmplaneten davon.

 

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Kommentare: 15
  • #1

    Ritzi (Donnerstag, 16 Juli 2015 20:16)

    ...hahaha...ich hab vor Lachen in die Hosen gepullert!! Ich krieg mich kaum ein!! Ich weiss so gut , wie es dir geht!!! (Schon mal über ne Kolumne in so ner Frauenzeitschrift nachgedacht? Aber das nur nebenbei...) und soll ich dir was sagen?- es wird noch schlimmer! ;)))
    Die Gefahren in so ner Grossstadt...äh...New York zum Beispiel...Klassenfahrten...ach was sag ich...selbst Dorfparties können irre sein...
    Auch wenn ich mich jetzt gegebenenfalls bei der Einen oder Anderen Leserschar unbeliebt mache: abends ein Glas eisgekühlter Weisswein in der untergehenden Sonne Italiens (oder auch 2 übern Tag verteilt

  • #2

    Locke (Donnerstag, 16 Juli 2015 20:58)

    Das PS war am besten xD

  • #3

    CoCo (Donnerstag, 16 Juli 2015 21:12)

    Hallo :)
    Ach das ist echt goldig geschrieben, ich musste so lachen!!
    Ich beobachte ähnliches derzeit in Bulgarien... Kinder uneingecremt, ohne Hut, nur in Badehose, am besten noch in der prallen Mittagshitze, da fühle ich mich gleich mitschuldig am Sonnenbrand...
    Was ich aber noch sagen möchte: im Internet wird manchmal auch zu viel Panik gemacht und es stimmt auch nicht alles qas da steht. Am besten ist immer der Gang zu einem guten Hautarzt der einem bestimmt einige Tipps geben kann.

    Schönen Urlaub noch und liebe Grüße, CoCo :)
    (http://i-ve-got-a-jar-of-holywater-and-salt.blogspot.de/)

  • #4

    Katrin (Donnerstag, 16 Juli 2015 21:47)

    Hahaa wie gut zu wissen, dass ich nicht alleine bin....heute im Auto bei brütender Hitze, die Kleine schläft und schwitzt und ich ungefähr so: ihr ist zu heiß viel zu heiß aber Klima...geht gar nicht...Fenster auf...auf gar keinen Fall das zieht zu sehr...aber lieber etwas Wind als zu heiss oder doch nicht :D oh die Sonne scheint auf die Beinchen, Tuch drüber, wieder zu heiß :D irgendwann kam dann aber der Gedanke: Stell dich nicht so an was würden sie denn in anderen Ländern sagen bei dem "Geschiss"

  • #5

    Ubullaba@web.de (Donnerstag, 16 Juli 2015 21:55)

    Super

  • #6

    Elisabeth (Donnerstag, 16 Juli 2015 22:39)

    Liebe Supermom
    meine Mutter ist Hautärztin. Meine Kinder haben noch nie ein Sonnenbrand gehabt (das älteste ist sieben), bis die eine Kindergärtnerin auf's "Geschiss" mit der Sonnenmütze verzichtet hat, war ja auch bewölkt. Ich kann sagen: Es reichen da bei so einem vierjährigen gerade mal fünf Minuten. Dann ist der Nacken rot, entzündet und durch. So sehr ich den ironischen Ton grundsätzlich schätze, so sehr hadere ich mit Deinen Aussagen. Überdies schwitzt man in qualitativer UV-Kleidung nicht. Ich habe sie auch, für den Strand aber auch für die langen Stunden auf dem Spielplatz im Sommer und kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich habe deinen Artikel angeklickt, weil ich das Thema so einnehmend fand, die Haltung der Sonne gegenüber (ach, die Italiener überleben es auch etc.) finde ich jedoch fragwürdig. Denn gerade die Aufklärung über die Sonne stagniert meines Erachtens in der Gesellschaft, Überfürsorge hin oder her. Ich sehe zur Zeit so viele hochverbrannte Kinder an den Seen... das finde ich sehr traurig. Gelinde gesagt.

  • #7

    Vadder (Freitag, 17 Juli 2015 08:29)

    @katrin:
    Warum geht die Klimaanlage nicht? Defekt?

    Klima geht bei uns prima! Mit gesundem Menschenverstand benutzt, heißt eben nicht auf 17 Grad einstellen...

  • #8

    steffi (Freitag, 17 Juli 2015 08:39)

    Ich fand es super lustig und amüsant. Wir nutzen kaum sonnencreme.. also Wenn Ich mit ihr unterwegs bin eigentlich gar nicht nur Oma und Opa hyperventilieren wegen der bösen Sonne. Eine Haut die nie Sonne abbekommt ist es nicht gewohnt und verbrennt ziemlich leicht daher haben wir uns langsam an die Sonne gewöhnt. Wir nehmen kokosöl das nimmt 30% der Strahlung und das reicht völlig aus und Essen viel rohkost. Wir haben ein uv badeshirt im Wasser und Hut mit krempean. Am Platz der im Schatten ist ist sie nakig. Die direkte Mittagssonne meiden wir so gut es geht und ansonsten lass ich das kokosöl sogar weg.Wir sind gesund gebräunt und noch nie verbrannt Vitamin D- Haushalt stimmt und ich hab keinen Stress mehr

  • #9

    Snowqueen (Freitag, 17 Juli 2015 12:19)

    Das Problem ist ja, dass sich die Haut über Generationen auf die örtlichen Lichtverhältnisse einstellt - deshalb gibt es am Äquator deutlich dunklere Haut, als in den nördlicheren und südlicheren Regionen. Schaut man sich die Hautkrebsquoten in Europa an, stellt man fest, dass sie vom Norden (Schweden - 13,5) zum Süden (Griechenland - 3,2) kontinuierlich sinkt (Deutschland 8,3). Daher ist es für Schweden (und Deutsche) sehr sinnvoll, sich in südlichen Regionen anders/mehr einzucremen. Fährt ein Italiener nach Schweden, kann er die Tube direkt zu Hause lassen - aber andersherum würde ich auch immer so ein Geschiss machen ;-). Über Nasentropfen und Ohrenstöpsel kann man geteilter Meinung sein - bei Sonne bin ich da schon empfindlicher bei der Fürsorge. Wobei auch da Vernunft walten sollte - die Haut sollte die Chance bekommen, einen Eigenschutz aufzubauen - daher sollte es auch cremefreie Episoden geben - aber nicht im Süden.

    Viele Grüße!
    Snowqueen

  • #10

    Karo (Freitag, 17 Juli 2015 15:39)

    So so wahr und gut. Ein Hoch auf die Panikmache. ;)

  • #11

    NadineM (Freitag, 17 Juli 2015 21:55)

    @Elisabeth
    Ich finde es durchaus gut und richtig, sich um das Thema Sonne und Kind Gedanken zu machen. Es geht mir auch gar nicht drum, das Kind nicht mehr komplett einzuschmieren oder den Hut wegzulassen. Mir geht es einfach um meine mütterliche Gelassenheit. Ich kann ja nicht fünf Minuten still sitzen, ohne die UV-Belastung des Kindes zu optimieren. Ich geh mir selber auf den Geist. Ich will wieder dahin, dass man was vernünftiges tut und es dann auch gut sein lässt.

  • #12

    NadineM (Freitag, 17 Juli 2015 21:56)

    @katrin
    du und ich: ausm selbem Stall ;-)

  • #13

    Doreen (Samstag, 18 Juli 2015 19:01)

    Ein echt toller Beitrag.
    Aber ganz ehrlih: Bei den miesen Sommern zuhause brauchen wir doch wirklich viiiiiel Urlaubssonne um über den Winter zu kommen. Mein Junge fragt ab Februar wann er endlich nackig laufen darf - und Kinder haben bekannlich noch ein gutes Gespühr für ihre Bedürfnisse! viel Sonne = Vit.D, um genug Speicher für den langen Winter anzulegen!

  • #14

    Angela (Sonntag, 19 Juli 2015 18:07)

    Wer so ein "Geschiss" wegen der Sonne macht, denkt einfach an die Zukunft seiner Kinder.
    Auf der einen Seite Nabelschnurblut einfrieren lassen und dann bei der Sonne locker sein, weil alles andere so anstrengend ist, ist irgendwie verlogen.
    Die Haut gewöhnt sich nicht, auch bedeutet nicht "kein Sonnenbrand = keine Gefahr"
    Absich finde ich den Beitrag lustig geschrieben, aber er endet so, als wäre das genauso übertrieben wie die Ohrstöpsel und das ist es eben nicht.
    Sonne ist gefährlich, für Kinder noch mehr als für Erwachsene.

  • #15

    Antje (Mittwoch, 22 Juli 2015 12:34)

    Supper geschrieben mit dem "Geschiss" kann man wierklich übertreiben. Aber man mus auch aufpassen, gerade wenn man eienen sehr hellen Hautton hat, wie mein Mann rote Harre und Sommersprossen und unsere Tochter ist genauso Kässeweiß. Da hilft nur so ein Geschisse machen. ;)