Bin ich Elite?

luxuz::./photocase.de
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Ein Gespenst geht um bei uns Kitamuttis. In jedem Spielplatzgespräch poppt es auf, an Elternabenden ist es Thema: Schule.

Jetzt ist ja an sich noch ziemlich viel Zeit, das Rübchen startet ja erst 2017. Andererseits muss man sich ja ein Jahr vorher schon anmelden, da regt sich natürlich jetzt schon Interesse und zugegebenermaßen auch ein bisschen Argwohn.


Bisher geht sie hier in der Nähe in eine kleine Kita mit nur einer Gruppe von 26 Kindern, betreut und liebevoll begleitet von fünf Erziehern.

Alle Kinder sind nett und die Erzieher bescheinigen ihnen auch, dass sie ziemlich lieb und umgänglich sind. Keine "Problemkinder", kein Hauen und Stechen.

Alle Eltern sind nett. Keiner ist überkandidelt im Sinne von übertrieben ökologischer Gesinnung, keine Ernährungsdogmatiker, keiner, der seine Kinder schlecht behandelt. Ein guter Mittelstandstraum.


Obwohl - sind wir Mittelstand oder schon Elite? Unsere Kita mit herausragendem Betreuungsschlüssel, zwei externen Pädagogen für Musik und Sport und einer eigenen Köchin für das Mittagessen kosten uns Eltern 200 Euro monatlich obendrauf. Ist das elitär, weil es teuer ist und Kinder weniger gut gestellter Eltern qua Beitrag ausschließt?


Eigentlich mag ich das nicht. Ich will, dass mein Kind in einer heterogenen Umgebung aufwächst, sieht, wie verschieden Menschen sind und doch alle gleich. Es soll keinen Unterschied in seiner Betrachtung machen, ob ein anderes Kind arm ist oder reich, wo es herkommt, was es glaubt, denkt oder besitzt. Vielleicht nährt sich meine Vorstellung auch durch meine Grundschulzeit auf dem hessischen Dorf. Alle Kinder, unterschiedslos, gingen dort hin. Auch wenn wir heute in einer irgendwie hippen Gegend wohnen, soll sie nicht in dieser "Hipster-Blase" groß werden, ohne Armut, ohne alte Leute. Aber wie?


Ich lese tagtäglich die große Regionalzeitung. Ich lese von Gewalt auf den Schulhöfen, Drogen und Mobbing. Ich lese von unbenutzbaren Sporthallen, Fenster, die komplett aus der Verankerung fallen, undichten Dächern, einsturzgefährdeten Schulgebäuden und Kindern, die vermeiden, auf die Toiletten zu gehen wegen deren Zustand. Investitionsstau nennt man das in hübsch. Als Eltern ist man da wohl irgendwie hilflos, das Kind muss schließlich in eine Schule gehen. 

Ich möchte nicht sagen, dass alle staatlichen Schulen schlecht sind. Mit Sicherheit gibt es dort engagierte Lehrer, tolle Kinder. Aber ich hasse diese Stadt dafür, dass etwas so essentiell wichtiges so vernachlässigt. Ich hasse diese Stadt dafür, was sie den Kindern tagtäglich aufzwingt. Ich hasse die Stadt dafür, dass sie ein Bildungsethos vortäuscht - und Schüler und Eltern enttäuscht.


Ich weiß auch, dass es nicht nur den Kindern so geht. An allen Ecken und Enden ächzen die, die auf eine Finanzierung durch den Senat angewiesen sind. 


Aber dann werde ich ziemlich egoistisch. Laut Einzugsbereich müsste mein Kind in eine Grundschule, die als Brennpunktschule gilt (nun, immerhin hat sie einen Notrufknopf für Amokläufe und sie kriegt jetzt einen Zuschuss zur Sanierung der Klos). Ich will aber für mein Kind, dass es in einer intakten Umgebung lernen kann, in beheizbaren Räumen mit funktionierender Infrastruktur. Ist das dann elitär, wenn ich sage, okay, dann zahlen wir eben eine Privatschule? 

Liest man Zeitungsberichte über Eltern die gegen ihre Schulzuweisung klagen, bekommen diese immer gleich den Stempel aufgedrückt: arrogant, elitär, rassistisch, egoistisch. Liebe Journalisten: ist es euch denn wirklich egal, wo und wie eure Kinder lernen? Ich glaube euch kein Wort.


Alles, was ich mir für die Schullaufbahn des Rübchens wünsche, ist ein gutes Lernumfeld. Ich brauche keinen Schnickschnack. Mathe, Deutsch, Englisch, das übliche, Freunde, eine nette Klasse und Lehrer, denen ihr Beruf Spaß macht. 

Wenn fehlende staatliche Gelder all das zunichte machen, sorry, dann muss sich niemand wundern, und es muss sich niemand abfällig äußern.


Trotzdem mache mir viele Gedanken über die Kinder, die keine Wahl haben. Dass sie weniger Chancen haben. Dass eine marode Schule nicht gerade einlädt, über sich hinauszuwachsen oder sich als Schüler und Lehrer wertgeschätzt fühlen. Dass Bildung, der vielbemühte "Schlüssel" zur Welt, zur Eigenständigkeit, zu Potential, Kreativität und letztendlich Produktivität der Stadt nicht viel wert ist. Dass man lieber Stunden streicht und Klassen in Baucontainern unterrichtet.


Wir sollten uns als Berliner fragen, was uns persönlich Bildung wert ist, nicht nur die der eigenen Kinder, sondern auch derer, die mit den unseren diese Stadt teilen. Manchmal frage ich mich, ob alle Eltern nach Einkommen gestaffelt in einen großen Schultopf zahlen sollten, on top sozusagen auf die Senatsfinanzierung. Wir hätten dann vielleicht mehr Mitspracherecht. Und wir als Berliner könnten uns finanziell gegenseitig die Hand reichen. Ist nur so eine Idee. 


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Kommentare: 6
  • #1

    Gordana (Mittwoch, 17 Juni 2015 10:04)

    Hi Nadine,

    ein ganz schwieriges Thema das Du da ansprichst! Es gibt ja viele "Weltverbesserer", die ihre Kinder dann in Privatschulen schicken. Früher dachte ich das sei Doppelmoral. Jetzt habe ich dazu einen anderen Standpunkt. Als Erwachsene können wir entscheiden mit wem und wo wir arbeiten/wohnen, d.h. wir können einen Beitrag leisten um die Welt/Stadt ein wenig besser zu machen. Kinder können es nicht. Es ist o.k. sie in eine Schule zu stecken, die funktioniert! Warum ihnen schon in jungen Jahren soviel an Problemen zumuten? Natürlich stellst sich die Frage was mit den anderen Kindern ist und Dein Aufruf gefällt mir!
    Ich selbst bin in Neukölln in eine staatliche Grundschule gegangen und dann auf eine kath. private Oberschule, auch in Neukölln. Das war nicht elitär damals. Meinen Eltern ging es um die Bildung. Allerdings habe ich von keinem meiner Grundschulkameraden gehört, es sei schlimm auf ihrer Oberschule.
    Ich denke es ist nicht elitär für sein Kind zu sorgen, sondern es zu beschützen. Und die anderen Kinder kann man z.B. mit einem eigenen Ehrenamt untersützen (hab ich getan in einer Neuköllner Grundschule). Das rettet keine Schule, macht aber vielleicht es ein klitzekleinesbisschen besser für die Schule.

    Liebe Grüße,
    Gordana

  • #2

    Nina (Montag, 22 Juni 2015)

    Wir haben dieses Problem Gott sei Dank nicht, da unsere Kinder in eine Schule im Nachbardorf gehen.
    Für uns stellt sich die Frage nach Privatschule eher im Hinblick auf besondere Bildungsangebote, oder falls eines unserer Kinder nicht zurecht komen sollte, im staatlichen Schulsystem.
    In den Kindergarten gingen die Mädchen zunächst in den Waldkindergarten. Dies hat aus verschiedenen Gründen aber nicht gut geklappt. So wechselte unsere ältere Tochter für das letzte Kindergartenjahr, die jüngere Tochter wenige Monate später, in den hässlichen Gemeindekindergarten. Mit einem furchtbaren Gebäude und grausligem Personalschlüssel. Es war toll! Für uns alle!
    Was ich damit sagen will- wichtig ist sich die unterschiedlichen Schulen anzusehen. Ich habe selbst einmal an einer Brennpunkt Schule gearbeitet und allen Problemen zum Trotz, war es für alle Kinder dort ein Ort an dem sie sich wohlgefühlt haben und es kein Hauen und Stechen an allererster Stelle gab. ;-) Auf jeden Fall keines was untypisch gewesen wäre für Kinder im Grundschulalter.

    Alles Liebe
    Nina

  • #3

    Silvia (Dienstag, 08 September 2015 10:33)

    Meine Kinder werden in eine öffentliche Schule gehen. Sie besuchen schon jetzt einen städtischen Kindergarten: das Gebäude ist ziemlich hässlich und der Betreuungschlüssel ist gerade akzeptabel. Wir wohnen in einem buntgemischten Viertel am Stadtrand, in München. Die Kinder im Kindergarten kommen aus allen Ecken der Welt. Es gibt arme Kinder und besser gestellte Kinder. Meine Kinder suchen sich diejenige aus, die ihnen sympatisch sind und habe teilweise sehr enge Freunde gefunden. Sie sehen die Welt so wie sie in der Realität ist: nicht alle sind gleich, es gibt viele Religionen, Hautfarben, Kulturen, soziale Schichten. Wir als Eltern finden es toll, dass unsere Kinder im Kontakt mit der realen Welt aufwachsen und würden sie nie in einer Privatschule abschotten, außer sie kommen mit dem öffentlichen Schulsystem nicht zurecht.

    Meine Kinder sind sehr aufgeweckt und fröhlich. Bis jetzt hat denen den Kontakt zur realen Welt nicht geschadet! Im Gegenteil, wenn wir mal "Hipsterkinder" treffen, habe ich das Gefühl, dass unsere viel selbstständiger und toleranter sind als manche andere. Mir macht Angst diese Tendenz, die Kinder in Privatschulen abzuschotten. Ich befürchte, dass sie zu einer weniger offenen Gesellschaft führen wird, weil die Kinder, die nur mit ihresgleichen aufgewachsen sind, werden vielleicht später weniger Verständnis und Mitgefühl für diejenige haben, die anders sind.

    Alle Eltern sollten aber von ihrer Schulwahl überzeugt sein. Es nutzt nicht sein Kind in eine öffentliche Schule zu schicken, wenn man von der Wahl nicht überzeugt ist. Das kann sich nur schlecht auf die Beziehung des Kindes zur Schule auswirken.

    Ich wünsche Dir die richtige Wahl für Dich und dein Kind zu treffen!

    Liebe Grüße,
    Silvia

  • #4

    Nadine M (Dienstag, 08 September 2015 14:28)

    Liebe Silvia,
    danke für deinen Kommentar!

    Im Grunde beschreibst du eine Schule, die ich mir wünschen würde - bunt gemischt. Ich finde es auch wichtig, dass Kinder alle möglichen Lebensformen kennenlernen und über ihren eigenen Tellerrand hinaussehen können.
    Nur, in Berlin scheint das irgendwie nicht zu klappen. Ganz aktuell heute morgen stand wieder ein Artikel über eine Grundschule in der Zeitung. Diese ist so marode, dass sie von heute auf morgen geschlossen wurde. Nun fahren die Kinder morgens mit Bussen in eine andere Schule, die ebenfalls sanierungwürdig ist. Es gibt dort weder eine Tafel noch ein Telefon. Den Umzug der Schulbücher und anderen wichtigen Unterrichtsutensilien haben die Eltern gemeiste, nicht etwas das zuständige Amt.

    Ich will eine funktionierende Schule für alle. Nur wenn die Zuständigen den Bereich Bildung so an dieWand fahren, wie hier bei uns es der Fall ist, muss man sich nicht über eine "Segregation" wundern. Finde ich.

    Wie ist es bei euch in München? Ich hoffe, weitaus besser?

    Liebe Grüße!

  • #5

    Astrid (Mittwoch, 18 November 2015 11:52)

    Hallo Nadine!
    Danke für den ehrlichen Artikel. Ich kann dich gut verstehen!
    Wir wohnen im Speckgürtel Leipzigs, uns geht es verdienstmäßig gut wie vielen anderen hier.
    Es gab die Möglichkeit, unsere Tochter auf eine Privatschule zu schicken. Die Kinder sind super gefördert und wechseln fast alle später aufs Gymnasium.
    Unser Kind ist recht schlau, aber oft sehr schüchtern. Was gäbe es für sie besseres als eine Privatschule?
    Sie wird jedoch in die normale Grundschule des Ortes gehen. Es gibt dort viele verschiedene Einflüsse und Eindrücke, wir glauben, dass sie dort lernt, sich durchzusetzen, ohne in Watte gepackt zu werden und Freunde hat sie ganz viele im Ort. Die auch dort hin gehen.
    Wir sind auf dem Boden geblieben. Kaum jemand sieht, was wir wirklich verdienen. Also nicht statusbehaftet. Kommen beide aus Familien mit mehreren Kindern, und es hat uns nicht geschadet, manche Dinge alleine zu meistern.
    Das geben wir unserer Tochter mit auf den Weg. Sie lernt ja auch durch Eindrücke und nicht nur durch die Schule.
    Wir sehen uns nicht als Rabeneltern. Sollte es Schulprobleme geben, können wir sie immernoch wechseln lassen.
    Alles Liebe und viel Erfolg bei deiner Entscheidung.

  • #6

    Nadine M (Donnerstag, 19 November 2015 13:08)

    Liebe Astrid,
    danke für Deine Einschätzung. Im Grunde teile ich Deine Meinung - es ist auch für mich eigentlich keine Frage von arm oder reich. Sondern eher eine, wie die betreffende Schule ist, welche Austattung sie hat, in welchem baulichen Zustand (allein, dass man sich diese Frage stellen muss, finde ich, ist ein Unding).
    In jedem Fall wird sich auch mein Kind durchsetzen und müssen und lernen, klarzukommen. Aber eine Schule, die bis oben hin mit sozialen und finanziellen Mitteln belastet ist, kann für kein Kind die richtige sein.
    Liebe Grüße nach Leipzig!