Eikalt am Problem vorbei

Wenn ich jetzt noch einen Artikel zu Social Freezing (ein heisser Anwärter auf das Unwort des Jahres) lese, kriege ich einen Schreikrampf. Facebookerinnen und Applefrauen sollen also ihre Eizellen einfrieren lassen, damit sie ihre „High Potential“- Jahre voll und ganz ihrer Karriere widmen können.

 

„High Potential“ haben also nur Frauen zwischen ungefähr Mitte Zwanzig und Anfang Vierzig. Wer bis Mitte Vierzig also nicht schon ziemlich weit oben auf dem Treppchen steht, sich also voll reingehängt hat, wird nix mehr in den nächsten 20 bis 25 Jahren im Job. Schauen wir mal, wer bei Facebook oben auf dem Treppchen steht: Zehn Leute umfasst das Management und das Board of Directors. Marc Zuckerberg ist der jüngste mit 30 Jahren, zwei Herren sind 69 Jahre alt. Nur zwei Top-Facebookies sind Frauen, Susan Desmond-Hellmann, 56, kinderlos, und Sheryl Sandberg, 45, zwei Kinder.

Was sagt uns das? 

 

Frauen sind auch ab Mitte vierzig so fit, dass sie problemlos verantwortungsvolle und herausfordernde Jobs machen können. Was soll also der „High Potential“-Hype? Natürlich kann man einwenden, dass Frau Sandberg vermutlich nicht oben auf der Karriereleiter stünde, wenn sie sich in ihren jungen, energiegeladenen Jahren nicht reingehängt hätte. In diesen Jahren hat sie auch ihre Kinder bekommen, die sind nun sieben und neun. Aber würde Frau Sandberg jetzt, Mitte Vierzig, mal für ein paar Jahre aussteigen um mit gefrorenen Eizellen geschwängert, stillend, Möhrchenbrei kochend und Popo abwischende Hausfrau zu sein? Pah!! 

 

Wenn man seine Eizellen einfrieren lässt: Ist das noch echte Wahlfreiheit oder gewinnt immer der rein ökonomische Gedanke? Verpflichtet mich das, auf gar keinen Fall trotzdem ungeplant schwanger zu werden? Was ist, wenn eine späte Schwangerschaft mit diesen Eizellen nicht gelingen will? Was macht das mit den Frauen, die aber jetzt, mit 30, Kinder haben wollen? Werden die vorwurfsvoll angeschaut und bei der nächsten Beförderung übergangen? Verschärft sich nicht der Konkurrenzkampf umso mehr, statt dass untereinander ein gewisses Maß an Solidarisierung wünschenswert ist?

 

Wäre es denn nicht dann eher von Vorteil, jung Kinder zu bekommen, so mit 26, 27, 28 Jahren, um dann mit 35 voll durchzustarten und 30 Jahre oder länger ununterbrochen Karriere zu machen? Warum unterstützt und fördert das keiner? 

 

Ich finde es abstrus, mir über Eizellen Gedanken zu machen und darüber, dass Frau Sandberg jeden Tag um halb sechs das Büro verlässt, um zum Abendessen bei den Kindern zu sein. Toll! Wenn das meine einzige mütterliche Aktivität sein muss, ist Karriere auch ziemlich gut machbar.

 

Das Freezing stellt meiner Meinung nach einen gewaltigen Schritt zurück dar. Keins der Probleme von Vereinbarkeit von Muttersein und beruflichem Erfolg wird so gelöst, im Gegenteil, als Frau, die das Muttersein als persönlich wünschens- und auch erstrebenswert sieht, wird man noch mehr in die Rechtfertigungsecke gestellt.



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Kommentare: 2
  • #1

    Lena (Mittwoch, 19 November 2014 12:01)

    Hier bin ich voll bei dir:) Bin jetzt 26, habe Kinderwunsch, habe einen Masterabschluss - aber richtig Panik nach einer Babyauszeit keinen Job zu bekommen. Hier würde ich mir mehr Unterstützung wünschen.

    Im Grunde gibt es doch keinen wirklich passenden Zeitpunkt für Kinder.

  • #2

    berliner-kinderzimmer (Donnerstag, 20 November 2014 13:35)

    Liebe Lena,
    nein, den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht. Nie :-) Aber so gesehen ist auch jede Zeit die richtige! Hör auf Dein Herz.

    Mehr Unterstützung in der richtigen Art und Weise, flexiblere Arbeitszeiten und mehr gesellschaftliche Anerkennung muss einfach sein. Es kann nicht sein, dass man als Mutter ein arbeitsmarkttechnisch schwarzes Schaf ist.