StadtLandKind

Es sind drei freie Tage, es ist Schönherbst: warm, bunt, lieblich. An solchen Tagen kriege ich die ganz große Landsehnsucht. Nach Ausblick, der nicht bis zur nächsten Häuserwand reicht, nach Luft, die nach nassem Laub oder Kuhpups riecht, nach Wiesen und Wäldern und Seen und Feldern.


Wir Berliner haben sehr großes Glück mit unserem Umland. Man kann sehr schnell vom Alexanderplatz in die absolute Einsamkeit fahren, was Balsam sein kann, wenn der Kopf zu voll ist. Überall gibt es Flecken mit Wasser und schöne alte Gutshäuser und Schlösser, mal mit mehr, mal mit weniger Patina. Das Kind rennt begeistert von einem Laubhaufen zum nächsten und begrüßt jede Kuh auf der am Biergarten angrenzenden Weide einzeln (Hallo Kuuuuh!! Danke für die Müüülch!!). Und so zwischen Spreewaldgurke und Landschinken kucke ich mein verschmiertes, begummistiefeltes Kind an und kriege ein schlimmes Gewissen.Wir haben statt eines Gartens zwei Quadratmeter Balkon. Das  „Rausgehen“ ist immer ein Akt mit richtig Anziehen, irgendwo hin laufen oder radfahren, den Spielplatz teilen, das mütterliche auf der Bank/im nächsten Sandhaufen sitzen, im Park über Müll oder grässlicher: Scherben oder biologische Hinterlassenschaften diverser Lebewesen zu steigen. Tieren gegenüber ist das Rübchen eher reserviert (es sei denn, sie befinden sich umzäunt auf einer Weide), Hunde sind mit Abstand süß und vor Katzen rennt man besser weg. Im brandenburgischen Biergarten denke ich, wir hätten statt nach Mitte lieber nach Malchow ziehen sollen. Freiheit für das Kind!

 

Auf den zweiten Gedanken überlege ich, was ICH denn in Malchow machen würde den ganzen Tag, außer Tomaten züchten und einzuwecken. Und Auto zu fahren.

 

Ich bin auf dem Land groß geworden. Der Garten war toll, Büsche, Bäume, Schaukel.. aber so lange ich mich erinnern kann, war ich fasziniert von der Stadt. Ich wollte immer weg, dahin, wo viele Leute sind, wo Geschäfte sind und Leben auf der Straße. Dahin, wo ich mich selbständig bewegen kann. Auf dem Dorf fuhr alle Stunde mal ein Bus. Ich wollte Tennis spielen, mit meinen Freundinnen vor Karstadt abhängen und ins Kino gehen. Meine Eltern sind schrecklich viel gefahren. Auch wenn es vom Dorf in die mittelgroße Stadt nur 15 Minuten waren mit dem Auto, konnte diese Strecke ein riesiges Problem für mein Sozialleben werden. Als städtisches Gymnasiumkind hatte ich mit den dörflichen Realschulkindern keinen Kontakt mehr. Deren Social Network hatte die Form einer Bushaltestelle. Als ich irgendwann eine Vespa bekam, habe ich die genutzt, um wegzukommen vom Land.

 

Jahre später in Berlin angekommen, zieht es mich dann vor diesem Hintergrund nicht in das Gutshaus. Als Mutter finde ich es super, jederzeit irgendwo Windeln kaufen und unter Leuten sein zu können, wenn mir die (Baby-)Decke auf den Kopf gefallen ist. Ich habe Pekip-, Fabel- und Musikgartenkurse gemacht – nicht des (desinteressierten) Kindes wegen, sondern, um nicht allein zu Hause zu versumpfen. Ich konnte überall hinlaufen. Später haben mir die morgendlichen Spaziergänge ins Büro via Kita gutgetan. Kein Verkehr auf dem Bürgersteig, einfach ein stracker 20 Minuten-Marsch. Das Kind kann mit zwei Jahren flüssig Rolltreppe fahren und entwickelt ihre eigene Art von Street-Smartness.

 

Tja. Zwei Herzen in meiner Brust, ein rurales, ein urbanes. Wahrscheinlich ist es so wie mit den meisten Dingen des Elternseins: es gibt keine richtige Lösung.  Vielleicht hängt das Glück von Kindheit auch nicht unbedingt von der Umgebung ab. Unser Kompromiss liegt in langen Wochenenden draußen und Ferienwochen bei der Oma, die über Garten, Wald, Hühner, Platz verfügt. Und langen Läufen durch die Stadt, die mit all den bunten und verrückten Berlinern mindestens so spannend wie Kühe sind.

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