Kinderzimmer

suze/photocase.de
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Im Herbst 2010 sind wir umgezogen, weil wir für das kleine Rübchen in meinem Bauch eine Wohnung mit mehr Platz brauchten. Sehr praktisch war dieses vierte Zimmer anfangs, weil alle Kartons mit diffusem Inhalt, Koffer und Kram sich gleich nach dem Umzug erst mal dort einfinden konnten, um zu gegebener Zeit einen anderen endgültigen Platz zugewiesen zu bekommen.

 Als das Zimmer dann aufgeräumt war und ich mit Gedanken machte, was man dann nun für so ein kleines Baby an Möbeln braucht, wuchs dieses kleine starke Gefühl. An keinem anderen Ort (außer der Ultraschallliege bei meiner Gyno) habe ich mich meinem zukünftigen Kind und der kommenden Zeit als Mutter so nah gefühlt. Ein bisschen unwirklich war das, zu wissen, dass hier demnächst ein kleiner Mensch einzieht, eine dritte Person. Das Wohnzimmer sah auch nach dem Umzug ein wenig so aus wie immer, die gleichen Möbel, nur in anderer Anordnung, die Küche wurde mit dem altvertrauten Kram bestückt. Aber im Kinderzimmer tat sich eine neue kleine Welt auf, und ich war für die Gestaltung – sozusagen von null an - zuständig. In diesem Zimmer schlug der Nestbautrieb entsprechend intensiv zu.

 

Zur genau gleichen Zeit sind meine Eltern aus ihrem Haus in eine kleinere, händelbarere Wohnung umgezogen. Auf dem Dachboden fanden sich noch Kisten aus meiner eigenen Baby- und Kinderzeit, die dringend aussortiert werden sollten. Und dann haben sich ganz olle Synapsen gemeldet. Ich habe einen Indianer-Hampelmann gefunden, der in meinem aktiven Gedächtnis gar nicht mehr vorhanden gewesen ist und so altvertraut ausgesehen hat wie mein eigener Bauchnabel. Dieses kleine Stoffschaf war drin, dessen Geruch ich schon als Zweijährige nicht mochte. Und die Puppe, die in der Großstadt verloren ging und wie durch ein Wunder gefunden und an uns zurückgeschickt wurde.


Ich bin nicht gut im Wegwerfen. Je länger die Sachen in meinem Besitz sind, desto schlechter kann ich mich trennen. Obwohl diese natürlich in Kisten vor sich hin vegetieren und die Kisten wiederum unseren Keller blockieren. Irgendwie habe ich sonst das Gefühl, ich beraube mich meiner eigenen Geschichte, der Bilder im Kopf, der Gerüche, eben der gesamten Kindheitserinnerungen, die mit nichts so plastisch am Leben erhalten werden wie durch eben die realen Dinge, die man nach wie vor in der Hand halten kann. Allein auf die Leistung meines Gedächtnisses zu verlassen scheint mir zu wenig. (Deswegen muss ich auch alle schönen Fotos auch immer ausdrucken, so ein popliger USB-Stick oder eine im wahrsten Sinne des Wortes virtuelle Wolke sind mir nix.)


Mit Schwangerbauch habe ich die letzte Nacht vor dem Umzug meiner Eltern in meinem eigenen Kinderzimmer verbracht. Ich fand es ganz schlimm. Als müsste man sich von einem altvertrauten Freund für immer verabschieden. Jemand kam und nahm mir mein Nest, aus dem ich rausgewachsen war und andererseits immer Urlaub vom Erwachsensein machen konnte. Ein Riesenspagat zwischen mir als (ehemaligem) Kind und mir als (zukünftiger) Mutter.

 

Ich glaube, die Aufgabe beim Einrichten eines Kinderzimmers ist nicht nur, niedliche und praktische Möbel und Kram zu kaufen. Ganz philosophisch betrachtet schaffen wir so Erinnerungen an ein Zuhause, ein Nest, ein Wohlgefühl und Geborgenheit. Wir geben den vielzitierten Wurzeln einen Ort und Dinge zum Anfassen, etwas, das die Zeit überdauert und sich einpflanzt. Der Ort, der mit dem Kind wächst und in 15 Jahren vielleicht schwarz gestrichen, mit Plunder vollgestopft jenseits von niedlich wie unter Hempels Sofa die erste Heimat ist.

 

Zurück in Berlin habe ich lauter schöne Lieblingssachen gekauft, kuschelige Stoffe, eine warmrote Jalousie, kleine Spielsachen. Ein paar eigene alte Sachen untergeschmuggelt – die Fisher Price-Schule, den Kissenbezug, die alten Pixiebücher. Und ich habe festgestellt: Ein Nest bauen und ein Nest haben ähneln sich ein bisschen im warmen Wohlgefühl. 

 

Wie ging es Euch? Melancholie, Vorfreude? Habt Ihr noch ein Zimmer "zuhause" (das klingt immer so, als sei das Leben ein großer Spielplatz und man könnte jederzeit wieder ins Kindheitszuhause zurück...)? Wie nimmt man Abschied von einem Ort?


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