Geographie und Herz

Das Berliner Kinderzimmer geht mit elf anderen Elternblogs regelmäßig auf Reisen - ans Meer, in die Berge, nah, fern, in die Vergangenheit oder zu sich selbst:

"Ich packe meinen Koffer".


Der ICE rauscht durch den letzten Tunnel, der Schaffner nuschelt ins Mikrofon, auf welcher Seite man in Fulda auszusteigen hat und ich kucke gespannt aus dem Fenster. Das mache ich seit ungefähr zwanzig Jahren so. Das erste, was sich dann zeigt, ist ein bewaldeter Hügel (obwohl sein Name ein "Berg" enthält, was jedem gescheiten alpinen Berg zu ein sehr müdes, mitleidiges Lächeln abringen würde). Am Fuße dieses Hügels bin ich in den Kindergarten gegangen, Anfang der Achtziger und später mehrmals täglich an ihm vorbeigefahren auf dem Weg zur Schule, in die Stadt, zum Sport - jedenfalls stand der immer im Weg. Daran muss ich jedes Mal denken, im Zug, kurz vorm Aussteigen. Das Haus, in dem meine Großmutter lebte und in dem mein Vater aufgewachsen ist, fliegt noch vorbei. Und im Herzen knipst sich das Gefühl an, daheim zu sein. 

 

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Zuhause und Heimat. Das eine, Zuhause, hat mehr mit Geografie zu tun und damit, wo meine Bücher sind, ich mich eingerichtet habe, wo ich schlafe und was ich so mache. In meinem Fall in einer New Yorker Vorortvilla, einer Minidachbude in Würzburg, einem Reihenhaus in Mittelengland, einem eher funktionalen Studentenwohnheim in Berlin-Lankwitz mit geteiltem Bad, in einer tollen Mädchenbude mit Wohnküche in Steglitz, in einer gemeinsamen Bude mit dem Ehemann-to-be mit Dachterrasse in Charlottenburg und nun in der Altbauwohnung in Mitte. Zuhause ist kurzum da, wo ich wohne.

 

Heimat ist etwas grundlegend anderes, nämlich ein Gefühl. Heimat ist die Umgebung, die Natur, eine Landschaft, ein Ort, mit dem man verwachsen zu sein scheint, auch wenn man Jahre nicht dort gelebt hat. Rein rechnerisch habe ich nun den "point even" erreicht - ich lebe genau so lang woanders, wie ich in meiner Heimat zugebracht habe. Es ist ein bisschen Liebe, manchmal auch eine leise Sehnsucht, wenn ich Bilder sehe, oder mich an Dinge und Orte meiner Kindheit erinnere. Manchmal beneide ich alle die, die nicht weggegangen sind, bei denen Heimat und Zuhause eine Einheit bilden. Sie konnten sich lebenslange Freundschaften erhalten. Sie konnten mit ihrer Stadt erwachsen werden und sich mit ihr ändern.

 

Ich bin ja extrem konservativ, was die Entwicklung meiner Heimatstadt angeht. Mir tut jedes abgerissene Gebäude weh, die Bebauung einer ewigen Brache stört mich. Ich suche die Läden, in denen ich früher geshoppt habe und finde den gleichen, billigen und beliebigen Einheitsbrei wie überall. Natürlich ist meine Haltung egoistisch. Jaja, und objektiv gesehen hat sich vieles zum positiven verändert - eben dass viele Bausünden aus den Sechzigern verschwinden und wirklich netten - und schöneren - Häusern Platz gemacht haben. Nur macht mir das eben meine Heimat fremd, weil es plötzlich nicht mehr so ist, nicht mehr so aussieht wie früher. 

Es ist ja schon merkwürdig, wie klein alles ist. Strecken, über die ich früher gestöhnt habe, finde ich heute putzig. Ich fahre zu zeitig los, wenn ich verabredet bin und komme meistens 20 Minuten zu früh. Ich habe das Gefühl für Entfernung verloren in der Heimat, weil Berlin oft einfach unendlich scheint und ein Weg zur Arbeit oder Freunden schon mal gut und gerne 45 Minuten dauert. Fahre ich 45 Minuten in der Heimat, bin ich schon so gut wie in Frankfurt am Main.

 

Vor ein paar Wochen hatte ich zwanzigjähriges Abijubiläum, das auch mit einer Führung durch unsere Schule verbunden war. Es hat sich ziemlich merkwürdig angefühlt, wieder auf diesem Schulhof zu stehen, der sich nicht verändert hat (außer, dass es jetzt eine Handyzone gibt! Eine Handyzone!! Zu unsrer Zeit haben wir noch Pascal auf ollen Computern gelernt, auf Disketten gespeichert und abendelang das Festnetztelefon blockiert![*nostalgische Alte ab]). Der Geruch war noch der gleiche und die Atmosphäre in der Aula, in der ich die Matheklausuren regelmäßig verhauen habe, schenkt mir sofort Erinnerungen an meine komplette Ahnungslosigkeit. Doch, es war alles in allem auch schön. Warm wie in einem Nestchen da in der Schule und überhaupt in der Heimat.

 

Und trotzdem, dann in meinem alten Klassenzimmer kam auch die andere Erinnerung hoch, an die Sehnsucht, auszubrechen aus der kleinen Welt, nach Großstadt, nach Freiheit, nach Selbständigkeit und Abenteuer. Ich wollte alles sehen und selber erleben, was ich sonst in der Amica, Max oder Allegra (erinnert sich noch einer?) gelesen hatte und was viel spannender klang, als alles das, was in der kleinen Stadt möglich und von den Eltern auch nur im Ansatz geduldet worden wäre. Ich habe meine Koffer gepackt und bin der Sehnsucht gefolgt.

 

Der ICE rauscht, der Zugmensch nuschelt was von Berlin Hauptbahnhof. Draußen ziehen Zoo, Tiergarten und Bellevue vorbei, und ich denke, endlich wieder zuhause.



 













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